Heiligmorgen

Als ich aufwache, trommelt der Regen eine holprige Etüde zu vier Händen aufs Fensterbrett. Herrliches Gefühl, heute ausschlafen zu können und zu wissen, dass meine Kinder morgen – morgen schon – auch da sein und mich vor Tau und Tag wecken werden.

Als erstes den Brathahn in den Topf, auch wenn er vorhatte, was besseres zu werden als eine Suppe. Als zweites Ingwer, Aprikosen und Knoblauch fürs Chutney in die Küchenmaschine. Schnell einen Kaffee mit der Besuchsfreundin trinken, dann wird Rosalie die Rotfichte vom Balkon geholt. Steht beim ersten Versuch gleich kerzengerade im Weihnachtsbaumständer auf dem Weihnachtsbaumtisch, wie schön. Und als ich drauf komme, mit den Kerzenhaltern mehrere der dünnen Rotfichtenzweige zusammenzuklammern, kriege ich sogar sechs Kerzen an das kleine Bäumchen.

Im zwölften – letzten – Beutelchen meines halben (aber mindestens doppelt so froh machenden) Adventskalenders ein Gutschein für einen Frühlingswandertag. Oh, das Leben ist schön!

Jetzt schnell Gemüse schnippeln. Zehn Uhr klingeln meine Söhne an der Tür. Natürlich wollen beide sofort die Krippe aufstellen, allein, selbstverständlich. Ich sende ein Stoßgebet zu Salomo, dem Schutzheiligen aller Menschen, die in unlösbaren Konflikten entscheiden müssen, und teile die Figuren auf. Einer die Könige, die Kamele, Maria, den Ochsen und den Esel. Der andere die Hirten, die Schafe, Josef und das Kind in der Krippe.

Beim Baumschmücken sind meine Söhne nur halbherzig dabei. Der Neunjährige baut erstmal sein Tinkerbell auf, die kleine Messingpyramide, bei der sich drei Trompetenengel klimpernd an zwei Klingglöckchen vorbeidrehen. Das nervt mich aber immer, sagt der Fünfjährige, als der Neunjährige es endlich geschafft und die vier Pyramidenkerzen angezündet hat. Ich stehe auf dem Stuhl und binde den großen Strohstern an der Spitze unseres Bäumchens fest. Hier, Mama, sagt der Fünfjährige und bringt meinen BH an – ich bin ja noch im Schlafanzug. Während ich kleine Kugeln und Strohsterne am Baum befestige, übt er sich darin, den auf- und zuzuhaken. Bei Papa hat das Baumschmücken mehr Spaß gemacht, beschwert sich der Neunjährige. Ich versuche, ein pädagogisch wertvolles Geräusch zu machen und mich nicht zu ärgern. Unterdessen pustet der Fünfjährige die Kerzen am Tinkerbell wieder aus und fängt sich einen Tritt vom Neunjährigen dafür ein. Nach einer Stunde schiebe ich die Jungs wieder aus der Tür. Bei Papa muss schließlich noch das Kinderzimmer aufgeräumt und geputzt werden, bevor wir heute abend dort feiern können.

Das windige Wetter hat meiner Besuchsfreundin bereits gestern eine Migräne beschert, die sich nicht nur gewaschen, sondern auch schon angezogen und gekämmt hatte. Obwohl ihr Kopf immer noch wehtut, sitzt sie in der Küche und entbeint mit letzten Kräften das Hähnchen. Wir essen Suppe, erzählen einander Weihnachtserinnerungen und lösen ein mathematisches Rätsel: Kann das wirklich schon das fünfte Wechselmodellweihnachten sein, obwohl der Vater meiner Kinder erst vor viereinhalb Jahren ausgezogen ist?

Die Besuchsfreundin bettet ihren schmerzenden Kopf wieder auf ein Kissen. In der Wohnung duftet es nach Hühnersuppe und Fichtenzweigen. Heiligabendstille breitet sich aus: Erinnerung und Erwartung, Vorfreude und ein wenig Anspannung. Gedanken an die Menschen, die ich liebe, und die heute auch – jeder an seinem Ort, jeder auf seine Weise – beisammen sein und feiern werden.

Ihnen und uns und Euch allen wünsche ich frohe, entspannte und – ja doch, trotz aller Vorsicht mit vielverwendeten, blassgewordenen theologischen Begriffen – gesegnete Weihnachtstage!

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2 Gedanken zu „Heiligmorgen

  1. tikerscherk

    So, wie ihr Weihnachten feiert, werden Deine Kinder sicher auch in der Zukunft Freude an diesem Fest haben, weil sie es in guter Erinnerung haben.
    Es ist immer sehr schön von Dir und Deiner Familie zu lesen, die mir so ganz und glücklich erscheint.
    Einen gesegneten zweiten Weihnachtsferiertag wünsche ich Euch!

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