Polizeistaat im Kinderzimmer

Die großte Tüte mit dem Geschenkpapiermüll ist schon runtergebracht. Ja, auch wieder genug schönes Papier zum Weiterverwenden aufgehoben, kein Thema. Die Urzeitkrebseier sind zum Schlüpfen angesetzt. (Die werden uns aber nichts tun, frage der Fünfjährige, der noch die Bilder vom Krebsfangen in Bullerbü vor Augen hat, und ich wiege nicht ganz sorglos den Kopf, warum steht auch auf der Packung, dass die Entsorgung der Tierchen über die Kanalisation verboten ist, während man sie unbedenklich als Fischfutter an Freunde weitergeben darf?) Wir haben alle Möglichkeiten der „Alligator-Rettung“ – so der Name eines Kästchens mit Forscher, Boot und Krokodil – besprochen: Muss der Forscher vor dem Alligator gerettet werden oder umgekehrt? Rettet der Forscher das Tier vor der Umweltverschmutzung im Regenwald oder das Tier den Forscher vor irgendeiner Gefahr auf seiner Reise auf dem großen Fluss? Die Wissensbücher sind mit einem undankbaren „Och, nochn Buch“ beiseitegelegt worden – ohne dass ich einen Überblick hätte, bei wem ich mich wofür genau jetzt bedanken muss.

Und natürlich haben die Kinder ihre heiß ersehnten Legokästen ausgepackt und einen langen, geduldigen Vormittag mit den verschiedenen Beutelchen voller Kleinstteile verbracht. Hinterher wird gespielt – und erst da fällt mir auf, dass ich beim Geschenkekaufen besser hätte aufpassen müssen. Gegen den Autotransporter des Fünfjährigen ist nichts einzuwenden. Aber der Neunjährige holt zu seinem neuen Polizeilaster (ausgestattet mit erstaunlich umfangreicher Abhör- und Überwachungstechnik – und mit einer Kaffemaschine) auch noch das Museum mit den Einbrechern, den Polizeihubschrauber und ein Polizeiauto hervor, von dem ich garnicht wusste, dass er das auch schon besitzt. Das Kinderzimmer ist plötzlich voller kleiner Legopolizisten mit festen, entschlossenen Mienen, die kleinen Legodieben – schlechtrasierten Typen mit einem fiesen Grinsen in den finsteren Gesichtern – hinterherjagen.

Eigentlich habe ich das ja garnicht so, bei der Erziehung meiner Söhne jedes Klischee vermeiden zu wollen. Aber was für ein ur-amerikanisches Weltbild wird hier eigentlich via Gabentisch in mein Kinderzimmer eingeschleust? Nicht allein, dass weder auf der Seite der Guten noch auf der Seite der Bösen eine einzige Frau mitmischt – die Begeisterung meines Sohnes für die Jagd der guten Polizisten auf die bösen Bösewichte beginnt mir insgesamt vage Bauchschmerzen zu machen. Hätte ich ihm doch lieber das Bergwerk oder die Küstenwache gekauft! Aber die gab es ausgerechnet in dem Laden nicht, in dem ich auf die größte Legoauswahl gehofft hatte. Und auch bei diesen Bausätzen wird ja zusammen mit den kleinen Steinchen ein Weltbild geliefert, eins, in dem gerettet und gelöscht und die Ordnung eines westlichen Mittelschichts-Lebens wiederhergestellt wird; eins, in dem nichts vorkommt, was diese Ordnung in Frage stellt; eins, in dem frohgemut und fortschrittsgläubig Diamanten in der Arktis oder Bodenschätze in den Bergen abgebaut werden, von Männlein mit immergleichen entschlossenen Heldenmienen.

Und weil Weihnachten ist und ich nicht so viel anderes im Kopf habe, denke ich mir beim Gemüseschnippeln meine eigene Lego-City-Serie aus: Das Gerichtsgebäude, in dem ein korrupter Banker auf der Anklagebank sitzt. Die Maquila, in der heimlich eine Gewerkschaft gegründet wird. Die Kirche mit der Suppenküche hinten dran. Der Supermarkt, hinter dem containert wird; zusammen mit dem Auto von der „Tafel“. Der Wohnwagenpark, in dem ein Rockkonzert stattfindet. Und das Riesen-Set: Ein Flüchtlingswohnheim, zusammen mit dem Containerschiff, in dem die Flüchtlinge übers Meer kommen.

Klar: Kinder – Jungs – meine jedenfalls – mögen Helden. Gut und Böse hübsch getrennt. Und Probleme, die durch ein paar ordentlich ausgerüstete Polizisten gelöst werden können. Wahrscheinlich würde niemand die Kästen kaufen, in denen ich meine Sicht auf die Gesellschaft untergemogelt hätte, weil wir Eltern unseren Kindern ja im Grunde ein Leben in einer Welt wünschen würden, in der die Dinge so einfach wären, wie Lego sie nachbaut. Und ganz klar: Auch ohne meine politischen Bausteinsets werden meine Kinder mitbekommen, wie ich die Welt sehe.

Aber eins steht trotzdem fest – auch wenn die Kindergeburtstage näherrücken und die Wünsche groß sind: Noch mehr Polizei kommt mir so schnell nicht ins Kinderzimmer.

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