Wünschen [*txt.]

Dass endlich Feierabend ist und
der Regen aufhört und
die Bahn pünktlich kommt –

Eine Gehaltserhöhung und
einen Sommermantel und
ein Haus am Wasser –

Schreiben und
Reisen und
Tanzen, nächtelang –

Zeit für die Kinder –

Wenn du einen Wunsch frei hättest, Mama, nur einen!,
stellt der Neunjährige beim Sonntagsfrühstück die Fangfrage, was müsstest du
dir dann wünschen? – Ich weiß es!

Ich auch, sage ich, dass alle meine Wünsche –
Aber wenn dieser eine Wunsch
verboten ist, was wünscht ihr euch dann?

Ich würde wünschen, dass
alle Menschen ein gutes Leben haben, sagt der Fünfjährige, der immer
möchte, dass alles gut wird;
und weil wir einmal bei den Weltwünschen sind, hat der Neunjährige
auch gleich wieder eine Idee,
beinahe so raffiniert wie die erste: Ich
würde mir Geld wünschen, das niiiiie
alle wird, und den Leuten, die Krieg machen, ganz viel davon geben,
damit sie mir ihre Waffen geben und der Krieg aufhört –
Oh, sage ich, skeptische Mutter, ob die sich nicht
neue Waffen kaufen würden, bessere,
von deinem Geld?
Jetzt bin ich dran. Ja.
Einen Wunsch für eine heilere Welt habe ich auch.

Aber eigentlich möchte ich
vier Wünsche frei haben, mindestens, denn zuerst
sind mir die persönlichen eingefallen, die die Fee (ausgelastet
mit den Wünschen meiner Kinder, groß wie ihre Fragen ans Leben) heute wohl nicht erfüllt:
Liebe, Gesundheit und Geld bis ins Alter. Das Standardprogramm.

Ein paar Tage später hat
der Wind den Morgenhimmel blankgefegt und Berlin
ist eine große Bühne vor einem leuchtenden Blau,
auf der ein Arbeiter auf einer Leiter steht und Taubenschutzdrähte anbringt und
gelbe Kräne ihre schlanken Hälse in Baugruben senken,
und hinter der aus einer letzten Wolkenbank weit im Osten
die Sonne steigt.

Und ich möchte glauben, dass es
– wenigstens manchmal –
so einfach ist:
Den hellen Himmel anschauen.
Wunschlos.


Dieser Text ist Teil des [*txt.]-Projektes.

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5 Gedanken zu „Wünschen [*txt.]

  1. Patrick

    Nachdem wir Erwachsenen unsere Wünsche immer mit der Befangenheit des Weltverständnisses wählen, unterscheiden sich diese meistens leider grundlegend von denen der Kinder. Das Traurigste daran ist jedoch die Gewissheit, dass unsere Kleinen ihre Unbefangenheit ebenfalls verlieren werden. 😦 Dennoch denke ich, dass es – wenigstens manchmal – durchaus so einfach ist wunschlos glücklich zu sein. Das sind die Momente, die wir genießen und fest in unser Gedächtnis brennen sollten!

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