Gesehen, gelesen, gehört… im Januar

Zum Einstimmen ins neue Jahr eine Postkarte aus Amsterdam, mit der eine Coaching-Praxis ihre Dienste anpreist: „Lets make better mistakes tomorrow“. Na dann mal los.

Aus dem Jahreswechselurlaub bringe ich fröhliche Postkartengrüße für den Fall mit, dass die Waage nach den Feiertagen ungewöhnliche Ausschläge nach oben zeigt oder die guten Vorsätze (eigene oder fremde) nerven: „Waschbrettbauch? Hatte ich schon. Steht mir nicht.“ Und: „Ich habe meine Ernährung umgestellt! Der Keksteller steht jetzt links vom Computer.“

Von meiner musikalischen Wechselmodellfreundin kommt die erste neue Musik im neuen Jahr: Sarah Blasko läuft im Hintergrund, während ich Mails beantworte und meine Wochenlaufliste schreibe. „We Won’t Run“ und „All I Want“ und andere… schön und „entschleunigt“.

Ein Kinoabend: „Honig im Kopf“. Ich finde es spannend, dass der Film sich mit Alzheimer und Demenz auseinandersetzt und erwarte einen nahegehenden, tränenreichen Kinoabend. Aber meine Taschentücher bleiben trocken, ich verlasse das Kino mit äußerst gemischten Gefühlen. Ja, Dieter Hallervorden spielt den demenzkranken Großvater gut und überzeugend. Und der Film wirbt absolut berechtigt dafür, Menschen mit einer Alzheimer- oder Demenzerkrankung mit Respekt, Liebe und Geduld zu begegenen. Aber! Aber… Ich mag Filme nicht, in denen Kinder Erwachsenenverantwortung übernehmen, alles richtig machen, nebenher noch die Ehe ihrer uneinsichtigen Eltern retten – diese seltsame Mischung aus naiv und oberschlau. Ich mag Filme nicht, in denen die Ehefrau/Mutter am Ende ihren Beruf aufgibt und damit alle Probleme der Familie löst (dass so eine Entscheidung im Film nie zu finanziellen Schwierigkeiten führt, ärgert mich noch dazu schrecklich). Und ich mag Filme nicht, die den Umgang von Männern und Frauen mit ihrer Sexualiät mit zweierlei moralischem Maß messen. Warum wird die Affaire des Mannes nur einmal beiläufig erwähnt, der Racheakt der Frau aber den ganzen Film hindurch immer wieder problematisiert? Und dann kriegt die Frau auch noch die undankbare Rolle, als einzige ein Problem damit zu haben, dass der kranke ater ihres Mannes von einem Tag auf den anderen in den Familienalltag integriert werden muss. Aus Frauenperspektive fällt der Film komplett durch. Schade.

Auf der Suche nach Lektüre fällt mir Michael Holzachs Erfahrungsbericht „Deutschland umsonst“ in die Hand. Das Buch ist schon älter, aber wie der Autor von den Erfahrungen berichtet, die er auf seiner Wanderung von Hamburg nach München – ohne Geld, aber mit Hund – macht, geht mir nahe.

Guillaume Musso: „Vielleicht morgen“ lege ich unzufrieden aus der Hand. Wieso wird nicht erklärt, warum ein Mann und eine Frau mit Hilfe eines Laptops von einem Jahr ins andere kommunizieren können? Stattdessen wird die geheimnisvolle Schreiberei der beiden benutzt, um die Frage zu stellen, was passieren würde, wenn wir die Vergangenheit ändern könnten. Wären wir besser dran? Der Protagonist von „Vielleicht morgen“, der seine plötzlich die Möglichkeit hat, seine vor einem Jahr verstorbene Frau zu retten, mit der er eine seiner Meinung nach perfekte Ehe geführt hat, wäre das jedenfalls nicht. Wäre seine Frau nicht verunglückt, hätte sie ihn an genau demselben Tag ermorden lassen. Ziemlich hanebüchen, das Ganze.

Wie „Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes beschäftigt sich auch „Das unerhörte Leben des Alex Woods“ von Gavin Extence mit der Frage nach dem selbstbestimmten Sterben. In beiden Büchern geht es um Menschen, denen man ihre Entscheidung, nicht weiterleben zu wollen,  glaubhaft abnimmt und nicht verweigern möchte. Und „Das unerhörte Leben des Alex Woods“ ist ein gutes und spannendes Buch. Trotzdem habe ich inzwischen ein unangenehmes Gefühl bei der Art uns Weise, wie diese Debatte literarisch und medial geführt. wird. Ja: Einzelschicksale. Das scheint einfach. Aber was würde es mit uns machen, in einer Welt zu leben, in der aktive Sterbehilfe legal und ganz normal wäre? Würde zu dem Verlust an Selbständigkeit und Würde, den Altern mit sich bringen kann, nicht noch die Demütigung hinzukommen, anderen zur Last zu fallen, die ganz genau wissen – so genau wie man selbst – wie einfach das wäre, ein Anruf bei Dignitas und Co.? Welche Pflegekosten, welche Karriereknicks man seinen Angehörigen ersparen würde? Damit beschäftigen die Bücher sich nicht.

Außerdem lese ich im Netz. Mit viel Interesse bei umstandslos, dem Online-Magazin für feministische Mutterschaft. Über neuartige Familienmodelle. Über Erfahrungen mit dem Versuch einer hälftigen Aufteilung von Elternarbeit. Davon, dass ich kein Einzelfall bin, dass sogar bei einer relativ fairen Aufteilung der Familienarbeit die Frauen diejenigen sind, die die Termine aller Kinder im Kopf haben; die wissen, dass die Socken zu klein sind, wann für die Klausur gelernt und was für den Kindergeburtstag eingekauft werden muss. Noch lieber als bei „Umstandslos“ aber lese ich die Artikel, die bluemilk regelmäßig verlinkt – die Breite und Vielfalt der englischsprachigen feministischen Debatte, gerade über Mutterschaft, finde ich sehr anregend.

Aber die schönste Entdeckung im Netz ist eine poetische. Bluemilk hat vor einigen Tagen eglantine’s cake verlinkt. Seitdem klicke ich am Abend Penni Russons  Seite an und verbringe ein paar Minuten mit ihren wunderschönen Texten. Absolute Leseempfehlung!

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Ein Gedanke zu „Gesehen, gelesen, gehört… im Januar

  1. Britta

    Huhu,

    habe hier lange nicht kommentiert – frohes neues Jahr 2015 noch – und muss eben anmerken, dass ich an einem Sonntag meinen demenzkranken SchwieVa besucht habe, was sehr beeindruckend war, insbesondere der Verfall seit ich ihn das letzte Mal davor gesehen hatte, und den Film am darauffolgenden Dienstag eigentlich nicht nötig gehabt hätte. Ich hatte das bereits live gesehen.

    Nun habe ich weder mit Til noch mit seiner Tochter Probleme (ich kann die beide gut vertragen und erwarte im Gegenzug nur Unterhaltung), aber die Stelle, an der die Frau anbietet, ihren Job aufzugeben, fand ich auch unter aller S*u. Da hätte mann(!) zumindest anbieten müssen, sich die anstehende Arbeit zu teilen… Ganz ganz tiefe Steinzeit!

    LG,

    Britta

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