Schraubhäkchen an Nylonseilen

Dass kleine Cafés häufig ihre Wände nutzen, um kleine, wechselnde Ausstellungen zu präsentieren, fand ich schon immer nett.

Zwischen dem Moment, in dem ich mit meinem liebsten und außerdem nebenberuflichen Künstlerfreund an einem dieser Cafés vorbeispazierte und wir die Idee aus der Luft pfückten, dass dort eigentlich auch seine Bilder mal hängen könnten, und dem Moment, in dem wir glücklich von außen durch die Scheiben auf seine erste Café-Ausstellung schauten, lag zwar eine ganze Menge Zeit – eigentlich aber nur eine freundliche Frage nach der Mailadresse der Café-Inhaberin, eine Mail mit einigen angehängten Bildern, ein bisschen Vorbereitungsarbeit und zwei Stunden, in denen die Bilder an die Wände kamen. Und wie es ein wohlmeinendes Schicksal wollte, durfte ich an diesem Abend dabeisein.

Jetzt weiß ich, warum immer alle Kulturmanagement studieren wollen.

Weil es einfach sooo viel Spaß macht.

Zuerst die Bilder der vorherigen Ausstellung abnehmen. Herzklopfend – ich will ja nix kaputtmachen – nehme ich die auf dicke Pappen aufgezogenen Fotos in die Hand. Hinten sind Ösen aufgeklebt, die sich einfach an die kleinen Häkchen hängen lassen, die wiederum an kleinen Metallröhrchen befestigt sind, die sich auf Nylonseile schieben und dort mit einem kleinen Schraubrädchen feststellen lassen. So geht das also!

In den Ösen hinter den Fotos hängen auch noch Stückchen dieser schweren Kordeln, mit denen Gardinen in fallschöner Form gehalten werden. Sonst wären die Fotos zu leicht und würden die Nylonseile nicht straffziehen. Wo die Kordeln nicht gereicht haben, sind – ich staune mächtig – Messer angeklebt. Ach, ruft die Bedienung, so verschwindet also immer unser Besteck!

Die Inhaberin schimpft, weil der Fotograf kleine Zettelchen mit den Titeln seiner Bilder an die Wände geklebt hat, die nun beim Ablösen Teile der Wandfarbe mitnehmen.

Mein liebster Künstlerfreund packt schon mal die Zettel aus, auf denen er geplant hat, welche seiner Bilder wo aufgehängt werden sollen. Aber so einfach ist das garnicht, der Künstlerfreund und die Café-Inhaberin und die Bedienung und ich hängen dort ein Bild zur Probe auf und halten da ein anderes hin – und halten kritisch die Köpfe schief. Abstrakte und gegenständliche Bilder vertragen sich nicht. Bilder, die thematisch zusammengehören, wirken erst so richtig, wenn sie auch nebeneinanderhängen, brauchen dann aber ordentlich Abstand zu den anderen. Zu viele abstrakte Bilder in einer Ecke sehen zusammen uninteressant aus. Das Lieblingsbild der Café-Inhaberin muss den schönsten Platz bekommen. Das Rot auf den Bildern darf sich nicht mit dem Rot auf der Präsentationswand beißen. Wer ins Café schaut, soll sich nicht vor düsteren Bildern erschrecken. Die Bedienung muss aus der Küche auf ein Bild schauen, das sie mag. Leuchtende Bilder wirken nur, wenn sie nicht neben anderen leuchtenden Bildern hängen. Und so weiter.

Irgendwann nicken dann doch alle zufrieden. Und dann darf aufgehängt werden. Alle Bilder in gleicher Höhe, 1,87 Meter. Und gerade, bitte. Garnicht so leicht, wenn die Keilrahmen in sich nicht so ganz rechtwinklig sind und die Altbauwände auch nicht. Mit einem altmodischen Spinnweben-von-der-Decke-Kehr-Besen lassen sich die überschüssigen Nylonseile prima aus den Schienen schieben, die an der Decke befestigt sind.

Hier noch ein „mü“ nach oben. Dort noch einen Hauch nach unten. Da hinten ist die rechte Schnur noch nicht gerade. Und das Bild neben der Tür muss so weit nach links geschoben werden, dass es die Macke in der Wandfarbe verdeckt, die der Klebezettel vom Vorkünstler hinterlassen hat.

So viel wie heute habe ich schon lange nicht mehr gelernt.

Dann stehen wir draußen in der Dunkelheit und schauen durch die erleuchteten Fenster. Wunderschön sieht das aus. Hereinspaziert! Hier gibt es Kunst zu sehen!

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4 Gedanken zu „Schraubhäkchen an Nylonseilen

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