So eine Woche

Am Montagmorgen wechseln meine Kinder zu ihrem Vater. Nach der Arbeit gehe ich zum Zahnarzt, der findet, dass alles in Ordnung ist, sogar die alte Amalgamfüllung, die er vor einem Jahr als undicht bezeichnet hat. Und dann gehe ich aus. Dazwschen rufe ich die Berliner Bäderbetriebe an und erfahre, dass die Schwimmkurse, zu denen ich den Sechsjährigen und den Zehnjährigen anmelden möchte, nun doch nicht „frühestens am 16. Februar“, sondern schon am Dienstag verkauft werden.

Am Dienstagmorgen stehe ich fünf vor sechs vor der Tür der Schwimmhalle. Eine Stunde später – so habe wohl nicht nur ich gehört, sondern auch die anderen beiden Eltern, die sich wie ich unter die Frühschwimmer mischen – ist der einzige Seepferdchenkurs, der sich mit üblichen Bürostunden vereinbaren lässt, nämlich immer schon ausgebucht. Ich melde den Sechsjährigen und seinen Freund, den Sohn der Hinterhoffreundin des Vaters meiner Kinder, zum Seepferdchenkurs an. Der Bronzekurs für den Zehnjährigen fällt aus, weil die Berliner Bäderbetriebe kein Geld mehr haben, um unsere Schwimmhalle samstags zu öffnen. Dann gehe ich heim und schreibe jemandem, der gerne hätte, dass ich ihn liebe, dass ich ihn nicht lieben werde. Dann gehe ich arbeiten. Hinterher addiere ich alle Kinderausgaben des letzten halben Jahres zusammen und rechne aus, wie viel ich dem Vater meiner Kinder nach Abzug meiner Kinderausgaben von seinen zum Ausgleich noch überweisen muss. Dann recherchiere ich im Internet, wie ich den neuerdings besonders schlappen Sechsjährigen besser ernähren kann, damit er trotz seiner äußerst selektiven Essgewohnheiten keinen chronischen Eisenmangel entwickelt.

Am Mittwoch kaufe ich nach der Arbeit einen Pilgerführer für den Weg von München an den Bodensee. Und dann alle eisenhaltigen Getreideflocken, die ich kriegen kann. Und Reismilch. Und Sesam. Dann rufe ich die nach Köln verzogene Patentante des Sechsjährigen an und plane unseren Besuch in den Osterferien und dann rufe ich meinen wilden Großcousin in Hessen an und plane unseren Besuch in den Osterferien und dann kaufe ich drei Fahrkarten für die Osterferien. Dann spreche ich mit meiner großen Schwester, die uns im Sommer gern für eine Woche mit nach Dänemark nehmen würde – aber nur ausgerechnet die mittlere von unseren drei Urlaubswochen anbietet, was mein schönes diesmal-aber-nicht-nur-eine-Woche-Sommerurlaub-Konzept zu zerstückeln droht. Ich erschlage eine Motte. Dann suche ich nach Urlaubsalternativen. Ein Zelthotel am Plauer See mit Dauerregen? Ein einsames Ferienhaus in Schweden mit Mankell-Krimi-Stimmung? Ein Ferien-auf-dem-Bauernhof-Bauernhof weitab von der nächsten asphaltierten Landstraße? Ich erschlage drei Motten. Ich stelle Anfragen an insgesamt 13 Familienferienstätten, einziges Auswahlkriterium neben meinem Wunschtermin ist „ein Schwimmbad“.

Am Donnerstag auf Arbeit fällt mir ein, dass ich bei meinen Anfragen an die Familienferienstätten das falsche Anreisedatum angegeben habe. Ich rufe die Kinderärztin an und mache einen Termin aus, an dem der Sechsjährige ein Schwimmfähigkeitsattest für seinen Schwimmkurs ausgestellt bekommen kann. Nach der Arbeit kaufe ich eine neue Druckerpatrone, damit ich meine Fahrkarten für die Osterferien ausdrucken kann. Und neues Mottenschutzpapier für die Kleiderschränke. Ich telefoniere mit meinem Vater, der bald einen runden Geburtstag feiert, und dann buche ich eine Fahrkarte für die Reise zu seinem runden Geburtstag. Ich drucke meine vier Fahrkarten aus. Ich nehme die Sterne vom zu zwei Dritteln abgenadelten Weihnachtsstrauß des Sechsjährigen ab und packe die Weihnachtskisten endlich weg. Ich suche einen Kinofilm raus, den ich am Wochenende mit meiner Kinofreundin sehen möchte. Ich suche ein Café raus, in dem ich am Wochenende mit dem Menschen frühstücken und reden kann, dem ich geschrieben habe, dass ich ihn nicht lieben werde. Ich reserviere einen Tisch. Ich verzweifle ein bisschen. Ich rufe die Besuchsfreundin an, die am Wochenende umziehen wird, und lenke sie mit meinem Gejammer von ihren Umzugssorgen ab.

Am Freitag rufe ich vom Büro aus drei Familienferienstätten an, die auf meine Anfrage reagiert haben. Kann man von der Nordsee aus nach Dänemark gelangen? Und wenn ja: wie? Ich überweise dem Vater meiner Kinder das Geld, das ich Anfang der Woche ausgerechnet habe. Ich bezahle die Rechnung vom Sportverein für den Sechsjährigen. Stelle die Waschmaschine an. Ich hole den Zehnjährigen vom Vater meiner Kinder ab, der gerade gemütlich mit seiner Hinterhoffreundin zusammensitzt, während ihr Sohn mit unseren Kindern spielt. Ich fahre mit dem Zehnjährigen zur Therapiestunde. Hinterher kaufen wir – unsere kleine, geheime Freitagabendtradition – einen Döner an der neuen Dönerbude im S- Bahnhof. Abwechselnd, mein Sohn genauso gierig wie ich, fallen wir über den Döner her. Wir schlendern ganz langsam, damit er aufgegessen ist, wenn ich meinen Sohn wieder bei seinem vegan lebenden Vater abliefere. Ich gebe dem Sechsjährigen einen wir-sehen-uns-am-Montag-Kuss und werfe dem Zehnjährigen, dessen neuen Spiel-Hubschrauber der Sohn der Hinterhoffreundin des Vaters meiner Kinder gerade zerstört hat und der mir deshalb nicht richtig „Tschüss“ sagen kann, eine Kusshand zu. Dann gehe ich heim und hänge Wäsche auf. Die frisch gewaschene Wäsche vom letzten Wochenende liegt auch noch rum. Und der Stapel mit den amtlichen Briefen der letzten sechs Wochen liegt noch so unberührt da wie am Montag.

Nach einer Woche wie dieser wünsche ich mir, nicht pausenlos das Leben von drei Menschen organisieren zu müssen. Mich nicht pausenlos um alles, alles kümmen zu müssen. Nicht ständig Entscheidungen treffen, nicht ständig Alternativen durchdenken zu müssen.

Nach einer Woche wie dieser wünsche ich mir, ich könnte mich daran erinnern, wie sich ganz viel unverplante Zeit anfühlt, und wie es sich anfühlt, einen ganzen Tag lang einfach irgendwas zu tun. Nach einer Woche wie dieser frage ich mich, ob ich das überhaupt noch kann: Faulenzen. Muße.

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8 Gedanken zu „So eine Woche

  1. erphschwester

    geduld! die zeit wird kommen …
    (ich kann mir heute gar nicht mehr vorstellen, wie das damals ging: vz-job, berufsbegleitendes studium, zwei kinder, zeitweise einen mann, lange keinen, eine eigene kleiderkollektion im schrank. und doch denkt man hinterher, dass es die beste zeit war.)

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    1. Greta Autor

      Das kann ich mir vorstellen: dass man hinterher auf diese Zeit zurückschaut und sie im Rückblick einfach nur bunt und dicht und lebendig ist. Aber noch ein Studium nebenher würde ich mir grad nicht zutrauen… Wahnsinn, was Du da geschafft hast! Liebe Grüße! Greta

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  2. jongleurin

    Oha, das ist ja echt viel! Jetzt weiß ich, warum du to-do-Listen magst: du hast gar keine Wahl 🙂 Aber ich glaube ja, du bist ein bißchen wie ich und hast das Meiste innerhalb der Woche erledigt, damit du am kinderfreien Wochenende ein wenig verschnaufen kannst. Außer das Treffen mit dem Nicht-zu-Liebenden, das hört sich auch nach einer Aufgabe an. Ich hoffe, es war dennoch ein erholsames Wochenende.

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    1. Greta Autor

      Stimmt, ohne meine To-Do-Liste wäre ich lebensuntüchtig – weil die Termine von drei Personen zu organiseren sind (Grundschule ist schlimm, da ist immer irgendwas zu machen und zu regeln), und davon noch dazu eine mit einem kinderlosen Doppelleben. Klar: in dem verschaufe ich auch mal ganz gerne. Liebe Grüße!

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