Oh Lümpja!

Ja, wir lieben Berlin und leben richtig, richtig gern hier.

Hier, wo der Sechsjährige an der Kasse im türkischen Supermarkt (wo wir uns mit duftendem Fladenbrot, Sucuk, Zopfkäse, Salbei, Löwenzahn und hellgrünen Paprikaschoten eindecken, wann immer wir Gelegenheit haben) plötzlich laut ruft: Guck mal Mama, da ist aber eine lustige Fahne! Jetzt seh ich sie auch: Der rote Streifen vom Schwarz-Rot-Gold ist ein bisschen breiter gemacht worden und beherrbergt den türkischen Halbmond mit dem kleinen Stern. Ach ja, sage ich, die hängt bestimmt hier, weil hier viele türkische Leute leben, die beide Länder gerne mögen. Und der ältere Herr an der Kasse lächelt gleich viel freundlicher.

Hier, wo in der Ostberliner Kita in froher Ignoranz aller rheinischen Bräuche und christlichen Jahreskreisdaten das Faschingsfest am Aschermittwoch begangen wird; ein prächtiges Fest, bei dem die Kinder – wie der elektronische Bilderrahmen am Nachmittag schon zeigt – sich gegenseitig von oben bis unten mit Klopapier eingewickelt, wilde Schlachten mit Zeitungspapierknüllbällen geschlagen, in der Kinder-Disko getanzt, vor dem Obstbuffet herumgestanden und am Waffelstand geschlemmt haben. Fünf Spidermans gab es, alle auf einem Foto vereint. Und mindestens sechs „Elsas“ (Elsas? Häh? Als Jungsmutter muss ich mich aufklären lassen: Elsa aus der Eiskönigin. Ach so.)

Aber wir lieben natürlich nicht alles hier.

Seit einigen Tagen hängt Berlin voller Werbeplakate. Wir wollen die Spiele, steht da drauf, und abgesehen davon, dass ich mich frage, wer genau „wir“ eigentlich ist, verstehe ich auch nicht, warum der Mauerfall, das „Sommermärchen“ der Fußball-WM oder Graffiti der Grund dafür sein sollen, dass Berlin sich neben der Endlos-Bauruine BER noch ein weiteres Riesenprojekt aufhalsen sollte. Und wieso die Unterschrift unter dem Plakat ausgerechnet „Sportmetropole Berlin“ heißt.
Wo doch in diesem Jahr zahlreiche Schwimmhallen schließen oder von den öffentlichen Bäder-Betrieben an private Vereine abgegeben werden. Wenn es doch in der Turnhalle, in der der Sportverein meiner Söhne trainiert, anscheinend noch nie ein Budget für so was wie Klopapier oder Seife gab. Nur so zwei Beispiele, wo ich mal mit Investitionen in die Sportförderung in Berlin anfangen würde, wenn ich was zu sagen hätte.

Am Donnerstag kam der Zehnjährige dann mit einem großen Plakat nach Hause. Mama, rief er begeistert, wir haben heute einen Ausflug gemacht! Zum Brandenburger Tor! Und da waren mehr als 2000 Kinder, und wir haben aus bunten Plakaten – er wedelt mit seinem, es ist rot, „Berlin“ steht darauf, von der Rückseite leuchtet der Werbeslogen mit dem ungeklärten „wir“ – die olympischen Ringe gebildet, wir mussten die Plakate dafür hochhalten! Und ich war im roten Ring, der ist für Australien! Und von einem Fahrzeugkran aus haben die das dann von oben gefilmt! Und einer der Jungs aus meiner Klasse ist verlorengegangen und wir mussten zu dem Treffpunkt gehen, den wir für den Fall vereinbart hatten, und da haben wir ihn dann wiedergefunden! Ach was, sage ich, wirklich?, und denke: Oh weh, schon wieder ein Tag, an dem der reguläre Unterricht flachgefallen ist… Und dann erzählt der Zehnjährige begeistert davon, was sie im Sachunterricht gleich mal über die olympischen Spiele gelernt haben: von den Nationen mit den meisten Medaillen und von der Zahl der Disziplinen, die er sich sofort gemerkt hat und die ich schon wieder vergessen habe; und von den Läufern, die das olympische Feuer von Olympia aus dorthin bringen, wo die Spiele stattfinden. Diesen Brauch finde ich – mit meinem ausgeprägten Sinn für Kitsch – ja auch sehr schön. Überhaupt ist das mit Olympia aus der Ferne ein ganz nettes Spektakel, aber wieso ausgerechnet hier?

Und vor allem: Darf mein Sohn einfach – mitsamt allen anderen Viertklässlern Berlins – für das diffuse „Wir“ der Berliner Olympia-Werbung vereinnahmt werden, ohne dass ich als Elternteil auch nur gefragt werde? Lässt die Schule – die ja auch chronisch unterfinanziert ist, in der die Papas und Mamas nicht nur zum Frühjahrsputz herangezogen werden, sondern demnächst auch malern sollen, weil nur für Material Geld da ist, und auch das nur gerade-mal-so – sich für Olympia-Wirtschafts-Interessen einspannen, ohne dass es eine kritische Diskussion darüber gibt, warum Geld für eine Olympiabewerbung ausgegeben wird und warum nicht für die Sanierung von Grundschulen?

Darüber bin ich richtig ärgerlich.

Wenn die Schule geschlossen zum Jubeln geht, bleibt es nämlich an mir hängen, meinem Sohn ganz vorsichtig zu erklären, wie kompliziert das alles ist: Die schöne Olympia-Idee – und dass die in der Wirklichkeit von allen möglichen Geldinteressen verdorben wird. Dass er gerne weiter davon begeistert sein darf, dass all diese tollen Sportler vielleicht hierherkommen werden – und dass ich es anders sehe und finde, dass die Stadt ihr Geld für die Menschen ausgeben müsste, die hier leben.

Nein, ich will die Spiele nicht. Gebt sie wem anderes, bittedanke.

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8 Gedanken zu „Oh Lümpja!

  1. tikerscherk

    Ich stimme Dir vollkommen zu. Warum Olympia, wenn die Bedürfnisse der Stadtbewohner noch nicht einmal gedeckt sind, und wieso fällt der Unterricht des Kindes aus, damit es ungefragt Werbung für Olympia macht. Darüber würde ich mich auch sehr ärgern, bzw. ärgere ich mich, obwohl es gar nicht mein Sohn ist.
    Wir brauchen keine Olympischen Spiele hier, wir brauchen funktionierende Infrastruktur.

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  2. frausiebensachen

    ich bin sicher, die schule durfte das nicht so einfach machen!
    (und olympia… brauchen wir auch nicht. steht aber auch nicht zur auswahl. wieso müssen da überhaupt jedesmal neue stadien und alles gebaut werden. kann doch alle paar mal wieder in den gleichen gemäuern stattfinden!)

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