Grippe in der Großstadt [*txt.]

Schon genug Müdigkeit aus der Woche mitgebracht, dem Dreieck aus
Arbeit, Schule, Kindergarten, Haushalt, Sportverein (nein, es sind fünf, zwischen denen ich – )
Samstag Großputztag. Am Sonntagmorgen
kommt der Sechsjährige um fünf zu mir, Mama? Psst, sage ich, still, ich will schlafen.
Ergeben kuschelt mein Sohn sich zu mir, ganz still, aber ich merke
dass er wärmt wie ein heißer Stein, schon fast bei 39 das Fieber.

Später schlägt das Paracetamol nicht an. Wadenwickel. 40 Grad, 40,2. Der Kindsvater
nicht zu erreichen. Ängstlich ans Telefon, Kinderrettungsstelle, ab wann muss ich,
was kann ich noch? – Der Zehnjährige fährt zur Notapotheke.
Dann Ibuprofen und Paracetamol im Wechsel. Tee löffelchenweise, weil der Kleine
erbricht. Der Große schwankt zwischen Sorge – bei 42 Grad stirbt man! –
und Quengeln: Mama, spielst Du mit mir? Drei Runden Schach
neben dem Krankenbett. Und Wadenwickeln. Abends
darf der Zehnjährige das Fußball-WM-Finale auf DVD gucken, der Kleine schläft, endlich.

Schlechte Nacht.

Am nächsten Tag Kinderarzt, zwei Stunden, die der Sechsjährige besser
im Bett verbracht hätte. Ja, ein Virus. Drei Krankschreibungen,
weil der Vater des Kleinen und ich uns die Pflege aufteilen wollen.
Das Fieber geht hoch. Milliliterweise trinkt mein Sohn Tee, jammert nach jedem Schluck
über Bauchschmerzen, schafft kaum den Weg zur Toilette. Wieder
Ibuprofen und Paracetamol abwechselnd, dazu wieder Wadenwickel. Immer wieder.

Ich fantasiere mir
eine Großmutter, die mit einem Topf Suppe unterm Arm vor der Tür steht; Nachbarn,
die klingeln und fragen, was sie vom Einkaufen mitbringen können;
einen neuen Partner, der anbietet, den Zehnjährigen zwei Stunden
zum Fußballplatz mitzunehmen – und dann über Nacht bleibt.

Aber alle, die ich fragen könnte (und dann hebe ich mir die Frage
doch lieber für den nächsten, einen größeren Notfall auf)
sind mit ihren eigenen Leben ausgelastet. Oder weit weg.
Oder beides. (Und hätte ich etwa, zwischen Arbeit und Haushalt und Kindern, noch Kraft, zu helfen, wenn einer mich bräuchte? Aber so sollte das Leben nicht sein…)

Am Abend dann Zeit für ein paar sms. Eine Freundin erreichbar – ja, das Fieber noch hoch,
aber er schläft jetzt, ja, wird schon werden. Und bei Dir? –
Das muss reichen. Und ja: es reicht aus,
um nicht in den Abgrund
aus Erschöpfung und Einsamkeit
zu stürzen.


Dieser Text ist Teil des [*txt.]-Projektes.

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9 Gedanken zu „Grippe in der Großstadt [*txt.]

    1. Greta Autor

      Oh, danke. Uns viere (den Sechsjährigen, den Zehnjährigen, mich, den Vater der Kinder) hats im Zweitagesabstand erwischt, dann noch die Freundin des Vaters der Kinder… und dann hab ich die Übersicht nicht mehr. Aber wir haben uns alle jetzt wieder einigermaßen aufgerappelt. Liebe Grüße!

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  1. Graugans

    Schade, daß ich wahrscheinlich ewig weit weg von Euch lebe, am südöstlichen Rande der Republik, ich hätte Euch gern in der Nachbarschaft und ich hätte auch gerne Suppe für Euch gekocht! So bleibt mir nichts anderes, als Deine Texte zu lesen, weiterhin! Sei lieb gegrüßt von Margarete

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    Antwort
    1. Greta Autor

      Liebe Margarete, über Deine lieben Worte freue ich mich ganz sehr! Danke!
      Schöne, nahe Nachbarschaftlichkeit ist ein ganz großes Geschenk. Ich habe das hier schon ein paar Jahre lang erlebt, in der großen Stadt – jetzt mit vielen neuen Hausmietparteien muss es sich erst wieder finden – hoffentlich.
      Einen herzlichen Gruß zum südlichen Rand der Republik von Greta

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