Vermischte Frühlingsgefühle

Zum ersten Mal in diesem Jahr raus aufs Land, zum Wandern. Zwei winzige Leberblümchen sind im Windschatten eines alten, bemoosten Baumes schon aufgeblüht, sonst ist noch alles kahl und grau. Ich lerne, Vogelrufe zu unterscheiden: Kraniche in der Ferne, Kolkraben im Baum – und der Zweitonruf von überallher stammt von Meisen. Spechte klopfen emsig an den Baumstämmen herum.

Warme Tage zum Wochenanfang.
Die Sonne steht wieder so hoch, dass sie morgens meinen Bildschirm erreicht und die Staubkörnchen aufleuchten lässt, die sich dort abgesetzt haben.
Auf der Sonnenbank an der Straßenecke liest mittags ein rüstiger älterer Herr seine Zeitung, einen riesigen Kinderwagen neben sich. Eine Flut von Kindergartenkindern, die Mädchen leuchend rosa, alle mit lauten Tatütata!-Rufen, spült kurz vor dem Eingang zum Spielplatz an mir vorbei.
Hinter der neuen Seniorenresidenz sitzt am Nachmittag ein alter Mann im Rollstuhl, die Sonne ist weitergewandert und hat ihn, in eine tiefblaue Decke mit goldenen Sonnen drauf gewickelt, im kühlen Schatten hinter sich gelassen.

Der Neunjährige hat die ersten Feuerwanzen entdeckt und trägt behutsam eine nach Hause. Die setze ich in ein Glas, sagt er, und ich mache Sand und frische grüne Blätter rein, und dann kriegt sie Wasser zum Trinken und fühlt sich wohl und ich hole ihr noch einen Freund und wir geben ihr einen Namen… Seine Augen strahlen, und die Feuerwanze, in ihrem mit einem alten Stofftaschentuch bespannten Marmeladenglas, ist am nächsten Morgen wirklich noch am Leben.

Die Elternchallenges der Woche: „Knicklichter“ für den Kindergarten. Für ausgepustete Eier (die Aufgabe von vor zwei Wochen, aber da waren die weißen Eier mit den Doppeldottern, die der Gemüseladen vor Ostern immer in sein Sortiment aufnimmt, noch nicht erhältlich) ist es schon fast zu spät, das gibt Punktabzug. Und dann steht uns ja auch noch „Sofi“ bevor! Für die Schule brauchen wir deshalb dringend eine Spezial-„SoFi“-Sonnenschutzbrille, mit der der Neunjährige die partielle Sonnenfinsternis am Freitag angucken darf – sonst muss er alleine oder mit anderen Kindern, deren Eltern das wiedermal nicht hingekriegt haben, im Klassenraum bleiben.
Der Fünfjährige, der mit den Kita-Kindern sowieso im Haus bleiben muss, ist stinksauer: Immer dürfen nur die Großen alles! Und die Kleinen dürfen nie irgendwas!

Heute jedenfalls verdunkelt nichts die Sonne. Der Himmel ist märzblau, lange nicht mehr so blass wie im Winter. Die grünen Daumen beginnen zu jucken, Rabatten werden mit bunten Stiefmütterchen bepfanzt und die Knospen an den Brombeerranken sind schon ganz dick.
Bis zu den Abendnachrichten scheint die Welt in Frieden zu sein.

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Ein Gedanke zu „Vermischte Frühlingsgefühle

  1. wildgans

    Das ist so frühlingshaft schön geschrieben! Was der alte Herr wohl in dem riesigen Kinderwagen hat- Drillinge oder sein Zeitungsarchiv?
    Feuerwanzen machen Leuchtaugen – Kinder sind SO toll!
    Gruß von Sonja

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