Frühling

Die Silhouetten der kahlen Bäume verändern sich. Ein ganzes endloses Meeting lang schaue ich aus einem Fenster; hinten rauscht der Verkehr auf der Autobahn vorbei; vorne schaukeln die Platanenfrüchte vom letzten Jahr an den Zweigen, an denen neue, dicke Knospen sitzen.

In der Mittagspause blinzele ich auf einer Bank in die Sonne, verbrenne mir den Gaumen am heißen Kaffee und schmiede Ausflugspläne.

Zu Hause geht mir beim Anstreichen der verwitterten Balkondielen die Holzschutzlasur aus; als ich neue besorgt habe, ist es zum Weiterarbeiten wieder zu kalt. Gegenüber von meinem Bett richten sich Stapel aus leeren Blumentöpfen und Kisten mit alter Erde auf längeren Aufenthalt ein. Im Flur steht ein schweres Paket mit Humus der Firma „Superworm“, das mir die neuen Nachbarn, die es netterweise entgegengenommen haben, mit spitzen Fingern ausgehändigt haben.

Auch im Wohnzimmer beginnt ein Stapel zu wachsen – Dinge, die ich auf meine kleine, kleine Pilgerreise – aus den gewünschten drei Wochen ist eine geworden, aus der geplanten Wanderschaft in Portugal eine vor der Haustür; nicht so schlimm, der Jakobsweg ist ja eigentlich überall – mitnehmen werde. Ein brandneuer Wanderrucksack steht da, schaukelt erwartungsvoll mit allerlei Schnallen und Riemen und belächelt hochmütig meinen uralten Schlafsack, der fast 30 Liter von den 38, die der Rucksack fassen kann, ausfüllen wird. Neben den Pilgerausweisen die Tüten, in denen ich meine Füße vor der Nässe verregneter Tage schützen will. Pilgerausweise, eine Wanderkarte. Der rechte Wanderschuh kommt vom Weiten zurück, vielleicht macht er mir beim nächsten Probewandern ja endlich keine Blasen mehr.

Mit dem Zehnjährigen klicke ich mich am Abend durch Hörbeispiele zu Gembri, Kürbisgeige, Sitar, Steeldrum und allerlei anderen Instrumenten aus der weiten Welt, die er für seinen Musiktest kennen muss. „Yesterday“, gespielt von einem Balalaika-Orchester, oh, diese Melodie musst du kennen, das hören wir noch schnell, dann ist Schluss, viel zu spät.

Der Sechsjährige beginnt seinen Schwimmkurs, der Trainer im Neoprenanzug sieht aus wie Superman persönlich, die Kinder haben Spaß. Als wir hinterher nach Hause kommen, hat der Zehnjährige schon Abendessen gemacht, sogar mit dem völlig falschen Messer Scheiben und Stücke vom Brot abgeschnitten. Mir wird nachträglich flau im Magen, und ich schärfe ihm ein, wo die Heftpflaster liegen und bei wem er klingeln soll, falls er sich mal richtig schlimm schneidet.

Nach dem Essen gucken wir eine der neuen Folgen von „Rennschwein Rudi Rüssel“. Noch eine, bettelt der Sechsjährige, bittebitte! Hinterher lasse ich mich ohne Meckern duschen, versprochen!

Morgens ist es schon hell, wenn ich aufstehe. Ich stelle meinen Lieblingsradiosender ein und schneide Apelspalten für die Frühstücksdosen der Kinder. Später, in der S-Bahn, ziehe ich „Geht alles garnicht“ aus der Tasche, ein Buch, untertitelt mit „Warum wir Liebe, Karriere und Kinder nicht vereinbaren können“, in dem zwei Journalisten vom Alltag überforderter Väter berichten.

Oft, sooo oft bin ich genau so gestresst, müde und erschöpft, wie die beiden es beschreiben. Aber gerade heute, an diesem Tag mit blauem Frühlingshimmel, ist mein Leben gut – so wie es ist.

(Jedenfalls, bis am Nachmittag auf meiner S-Bahn-Linie ein Polizeieinsatz stattfindet und ich verspätet zur Kita komme, bei der ausgerechnet heute der Zehnjährige schon wartet. Jedenfalls bis ich mein Versprechen einlöse, den Kindern Nudeln zu kochen, und aus dem einen oder anderen Grund nach dem Abendessen der Abwasch stehenbleibt. Jedenfalls, bis ich nach zehn am Abend endlich dazu komme, die Schwimmtasche für morgen zu packen und das Sportzeug des Zehnjährigen durchzusehen und den Freunden hinterherzutelefonieren, mit denen wir am Wochenende verabredet sind, so halb. Jedenfalls, bis ich den Elternbrief lese, in dem die Schule Eltern, die beim Frühjahrsputz (Freitag ab 13 Uhr) nicht mitmachen, Desinteresse an der schulischen Laufbahn ihrer Kinder unterstellt. Samstag wird in der Schule auch noch gemalert oder alternativ in der Kita der Garten gestaltet, man bittet um rege Teilnahme. Und schon schlägt alles über mir zusammen. Noch schnell bloggen oder ein paar Pullis fürs Büro bügeln? Noch mit der Besuchsfreundin telefonieren oder endlich mal eine Mail beantworten? Rechtzeitig schlafengehen oder noch die Blumen gießen? Am Wochenende Freunde vernachlässigen oder wieder nicht zum Ausruhen kommen? – Doch, ich verstehe die überforderten Väter, ich habe ihr Buch nicht ohne Grund in der Tasche. Zeit. Ich hätte gerne sooo viel mehr Zeit.)

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2 Gedanken zu „Frühling

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