Brandenburg an der Buga

Die Besuchsfreundin lebt seit einiger Zeit in Stadt Brandenburg, und diesmal kommt meinem geplanten Besuch dort auch keine Grippe dazwischen. Zählt man die S-Bahn-Zeit mit, dann wohnt die Besuchsfreundin noch genau so weit entfernt wie vorher; zählt man nur die 25 Minuten Regionalbahnfahrt von Berlin-Wannsee, dann ist es ganz nah, gleich hinter der Stadtgrenze.

Die Stadt Brandenburg ist im Buga-Rausch, das ist gleich zu sehen. Vor dem Bahnhof stehen die ersten von vielen mannshohen, mit Stiefmütterchen bepflanzten Etageren, mit denen die Stadt sich herausgeputzt hat. Bei meiner Freundin liegen Werbeflyer herum, die das komplexe Konzept einer Bundesgartenschau in fünf verschiedenen Orten erläutern; man muss aufpassen, um nicht aus Versehen den Flyer vom falschen Ort benutzen, um den Stadtspaziergang zu planen.

Den machen wir am nächsten Tag, nachdem wir ausgeschlafen haben. Brandenburg erinnert uns beide an andere kleine Städte in Ostdeutschland; an Weimar, an Erfurt. Kleine, hübsche, alte Häuser, viele schon saniert; an den unsanierten sind aus Buga-Gründen entschuldigende Plakate angebracht: „Wir sind in Arbeit“, neben dem Bild einer Frau, die angriffslustig eine Farbrolle schwingt. Durch die Innenstadt bummeln wir zur Jahrtausendbrücke (überhaupt, die Namen hier sind so schön: Trauerberg, Buhnenhaus, Schmerzke, Salzhof, Hohenstücken – ). Riesige Werbeplakate machen noch den letzten Ignoranten auf die Buga aufmerksam, sogar die Elektrokästen sind mit Bildern von Blumen und Pflanzen besprayt. Den Eintritt wollen wir nicht bezahlen, aber wir werfen in der Eingangshalle am Packhof einen Blick auf die vielen Orchideentöpfe, die auf bunten Plastikschiffen stehen; und durch die Tür der extra für die Bundesgartenschau wiederhergerichteten Johanniskirche schauen wir auch mal kurz, dort ist die erste von vielen geplanten Blumenschauen aufgebaut; es riecht gut nach Floristik. Draußen, rund um die Kirche, sind Stiegen mit allerlei blühenden Tulpen aneinandergereiht.

Im Brückenpfeilerhäuschen an der Jahrtausendbrücke ist ein winziges Café untergebracht, unter der Brücke können Kanuten zur Kaffeepause anlegen, auf den Steinstufen daneben laden orangefarbige Sitzkissen und Decken zum Verweilen ein. Sogar orange leuchtende Sonnenschirme mit kleinen Tischchen zum Abstellen der Getränke stecken in der Wiese, und hier holen auch wir Kaffee und Kekse aus dem Rucksack. Am anderen Ufer, gleich gegenüber, steht der „Buga-Skyliner,“ der große Turm, dessen Aussichtsplatform, rund wie ein Bagel, alle paar Minuten nach oben gefahren wird, sich dort eine Weile dreht und dann wieder nach unten rutscht. Wir sind zu weit weg, um zu sehen, ob den Leuten bei der seltsamen Fahrt schlecht wird oder nicht, wir wollen das selber lieber nicht ausprobieren. Vor uns schippern die „Buga-Fähren“ vorbei, die liebevoll mit Blumen bemalt sind und Fleißiges Lieschen, Pusteblume, Klatschmohn und Frieda (warum eigentlich Frieda?) heißen.

Der Wind frischt auf und weht eins der leuchtenden Kissen ins Wasser, langsam schaukelt es auf der Havel davon. Wir schlendern weiter, durch die vielen kleinen Altstadtstraßen. Ein kleines Elektrogeschäft, in dem die Farben auf den Verpackungen der Auslagen zu diesem typischen Provinzstadtnebenstraßenschaufensterblau verblichen sind, wirbt mit seinem Vorrat an alten Glühbirnen. Im Park steht eine Goethe-Büste mit Zitat – „nur der verdient die Freiheit und das Leben, der täglich sie erkämpfen muss“ – alter Angeber, sagt die Besuchsfreundin. Wie immer in fremden Städten schaue ich neugierig auf jedes „Zu vermieten“-Schild; zu diesem oder jenem besonders schönen Haus, das hier fast immer ganz nah an einem der Havelarme steht. Wie das wohl wäre, hier zu leben, in der kleinen Stadt am Wasser?

Am nächsten Tag machen wir einen Ausflug mit dem Fährschiff, raus zur Halbinsel „Malge“ im Breitlilngsee. Mehr als eine Stunde lang schippern wir zwischen den grünen Havelufern entlang, die mich von ausgedehnten Paddeltouren träumen lassen; dann hinaus auf den großen See, von dem aus das Land mit seinem fahlbraunen Schilf vom letzten Jahr und seinen frühlingsgrünen Baumgruppen zu einer ganz schmalen Linie zwischen Wasser und Himmel wird. Im Restaurant an der Malge sind alle Tische reserviert; eine reizende alte Dame feiert ihren einhundertsten Geburtstag. Sogar der Hund trägt eine kleine Krawatte und bellt verärgert den Akkordeonspieler an, der die Gesellschaft unterhalten soll.

Wir pikniken am Badestrand und fahren zurück, bevor das Frühlingsgewitter losbricht. Der Regen rauscht noch, als ich wieder in den Zug steige, und rinnt während der Fahrt in weitverzweigten Flusslandschaften über die Scheiben. Die elektronische Anzeige zeigt die ganze Fahrt über 15:57 an, als ob es für immer Sonntagnachmittag bleiben könnte.

In Berlin ist es halb sieben; der Regen ist vorbei, es riecht nach China-Box und heruntergeregnetem Straßenstaub. Zu Hause wartet meine kleine Balkongartenschau, die der Regen umsichtig vor dem Austrocknen bewahrt hat. Die Hornveilchen blühen so schön; die weiße Petunie gewöhnt sich an ihren Standort und setzt vorsichtig Blüten an, die Ringelblumen sind gekeimt.

Und nach Brandenburg möchte ich bald mal wieder fahren. Durch den Umzug meiner Freundin bekomme ich einen neuen Ort geschenkt. Vielleicht wird daraus ja ein Stückchen – ausgelagerte – Heimat.

Advertisements

3 Gedanken zu „Brandenburg an der Buga

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s