Rauch

Die S-Bahn streikt. Überfüllte U-Bahnen, die Leute tippen angestrengt in der Öffi-App auf ihren Smartphones herum, wer kein Smartphone in der Hand hat, glotzt seinem Nachbarn auf den Bildschirm.

Der „Helpling“, den ich mir bestellt habe, damit ich meine drei Krankschreibungstage tatsächlich zum Erholen nutze und nicht anfange, die verdreckte Wohnung zu putzen, storniert seinen Termin bei mir, ich sei nicht mit den öffentlichen Nahverkehrsmitteln zu erreichen.

Mein Chef am Telefon: So krank klingst Du garnicht! Kannst Du mal eben dies und das –

Abends beutelt mich der Husten dann wieder, die Ärztin hat Keuchhusten und Lungenentzündung und Allergie ausgeschlossen und mich dann mit einer Krankschreibung in der Hand aus dem Untersuchungszimmer geschoben. Schlafen Sie sich mal aus. Sowas kann ja auch von der Erschöpfung kommen.

Ja, ich bin erschöpft. Schrecke um fünf Uhr morgens mit Herzrasen hoch. Habe wenig Geduld mit den Kindern. Habe immer diese lange Liste im Kopf, dieses muss dringend und jenes müsste eigentlich auch. Das Runterkommen klappt nicht mehr, noch nicht mal die drei Tage zu Hause helfen. Sonst fange ich, sobald die Genesung von irgendwas einsetzt, sofort an, im Kopf Pläne zu schmieden und lange Listen mit Dingen zu schreiben, die ich unbedingt dringend sofort machen möchte – und die ich dann nie schaffe, höchstens halbherzig beginne. Aber immerhin.

Jetzt fühle ich mich, als ob ich sogar das Wünschen verlernt habe.

Er wäre da – irgendwo gleich hier, nur einen oder zwei Schritte entfernt, ich kann es spüren: der Raum, in dem ich irgendwas spannendes mit meinem Leben machen, in dem ich etwas gestalten könnte. Aber ich nutze ihn nicht, ich habe viel zu viel zu tun. Und wenn ich nichts zu tun habe, nehme ich mir schnell etwas vor, aus Angst vor der Leere.

Meine Kinder toben über den Nachbarhof und verschwinden mit ihrem Vater im Hinterhofeingang seiner Freundin. Glücklich sehen sie aus. Für die Tests üben, fehlende Schulmaterialien nachkaufen und den drohenden Kita-Streik mit meinen Arbeitszeiten zusammenbasteln – mein absehbares Programm mit den Kindern, sobald sie wieder zu mir kommen – ist so viel weniger schön.

Ich werde zu einer schrecklichen Gesprächspartnerin (und ihr Name war „maulende Myrte“…) für die Menschen, die mit mir reden.

Ich würde gerne fortgehen, irgendwo an einem Meer sitzen und in die Wellen starren und warten, bis ich mir nicht mehr wünsche, dass alles einfach aufhört. Aber das geht nicht, also muss ich wohl das Gegenteil tun, ankommen nämlich, hier, wo ich bin, und den Dingen ins Gesicht sehen. Meiner Einsamkeit. Meiner Traurigkeit. Meiner Erschöpfung.

Ein Frühlingsdurchhänger. Eigentlich kenne ich das schon. Und weiß, dass ich mich auch wieder besser fühlen werde. Vielleicht bald, vielleicht morgen. Bestimmt morgen schon.

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6 Gedanken zu „Rauch

  1. Frau Tonari

    Kenn ich. Unzufriedenheit bringt einen in eine Meckerecke, in die man eigentlich nicht möchte.
    Gönn Dir eine Auszeit und führe Dir die schönen Dinge vors innere Auge. Klingt doof. Hilft aber…

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  2. frausiebensachen

    puh ha. gibt so zeiten, die sind zum schwer auszuhalten. (und es klingt sehr, sehr nach erschöpfung.)
    wie gut, daß du das alles schon kennst und weißt, daß es vorrübergeht. fürs aus- und durchhalten schicke ich dir ganz viel licht und kraft.

    (hast du schonmal an eine mutterkindkur gedacht? das tut so gut, mal drei wochen aus dem alltag raus zu sein und ohne haushalt nur für sich und die kinder da zu sein, kraft zu tanken. dein doc schreibt dir ein attest für die kk, du suchst dir am besten vorher ein kurhaus aus (zb den wunderbaren alpenhof in rettenberg im allgäu http://www.alpenhof-kranzegg.de/ ).)

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    1. Greta Autor

      Danke! Für die lieben Worte und Wünsche! Ich war vor zwei Jahren mit meinen Kindern auf Rügen zur Kur. Das hat uns damals unglaublich gut getan. Und vielleicht klappt das ja nächstes Jahr schon wieder. Du hast mit Kur auch schon gute Erfahrungen gemacht? – Jetzt hoff ich auf die nächsten Feiertage und eine kleine Urlaubswoche ohne Kinder, die bald kommt. Liebe Grüße und auch Dir alles Gute! Greta

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      1. frausiebensachen

        als alleinerziehende/getrenntlebende darfst du alle zwei jahre zur mukikur!
        und ja, ich war schon zweimal und fand es besonderes beim zweitenmal großartig. in zwei jahren will ich nochmal, solange die mittlere noch unter 12 ist.
        daß du bald eine freie woche hast, ist eine gute aussicht! alles gute fürs durchhalten!

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      2. Greta Autor

        Danke! So einfach ist das aber unter Umständen nicht, nach zwei Jahren schon wieder an eine Kur zu kommen. Dir noch nachträglich die besten Wünsche zum Einzug, auch wenns nun schon ein Weilchen her ist! Alles, alles Gute im neuen Heim!

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  3. tikerscherk

    Das klingt wirklich bleiern. Hoffentlch nur die bekannte Frühjahrsmüdigkeit, die mir ebenso, wenn auch ganz anders, auf den Lidern liegt.
    Hast Du denn wenigstens in absehbarer Zeit mal ein wenig zusammenhängenden Urlaub und kann Dir der Mann die Kinder ein weng mehr abnehmen, so dass Du zB ein Wochenende durchschlafen oder -lümmeln kannst?
    Ich hoffe die Erschöpfung legt sich bald und Du findest wieder Kraft und vor allem auch Freude an den Dingen um Dich herum.
    Herzliche Grüße aus SO 36

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