Das Balkongartentagebuch: Krähenkind

Am Pfingstsamstagsnachmittag ist es in all den von unserem Häuserkarree eingeschlossenen Hinterhöfen, die ich von meinem Balkon aus einsehen kann, menschenleer.

Oben, in den Baumwipfeln der Linden und des Ahorns und des anderen Ahorns und der Birke, in der die Krähe gebrütet hat, spielt der Wind. Die Spatzen und Meisen schwatzen und schimpfen laut von Baum zu Baum und von Zweig zu Zweig miteinander. In der großen Gabelung des Ahornbaums gegenüber schreien zwei Krähen. Ich recke den Hals, bis ich sie sehen kann. Die eine – vielleicht die Krähenmutter aus der Birke? – füttert die andere, ein kaum flügges Küken, und fliegt dann über die Dächer davon – sicherlich, denke ich, um neue Nahrung herbeizuschaffen. Geduldig und still bleibt das Krähenkind in der Gabelung des dicken Stammes sitzen.

Unten im Gras marschiert das Starenpaar auf und ab, das in diesem Sommer den Kirschbaum gepachtet hat – sie (?) würdig in Schwarz und er (?) frohgepunktet. Ein paar Spatzen folgen den beiden neugierig über den Rasen unterm Wäscheplatz. Zwischen roten und grünen Leinen schimmert eine gelbe in der Sonne wie ein langes goldenes Haar.

Wenn ich nicht hinsehe, drehen die Bohnensprösslinge auf meinem Balkon ihre Spitzen ein wenig weiter. Immer gegen den Uhrzeigersinn – die im linken Topf haben das Spalier schon gefunden, die rechts tasten noch danach. Lila beginnt der verlauste Salbei zu blühen, rot die Verbene. Die Studentenblumen in den Beeten der Kinder sind prächtig, an der Tomatenpflanze des Zehnjährigen gibt es schon kleine grüne Früchte; die Erbsen des Sechsjährigen muss ich zum vierten Mal nachstecken, ich wühle in der Erde nach den früher dort eingebrachten Samen, finde aber nichts.

Allmählich wird das Krähenkind im Baum unruhig. Es streckt die noch ungelenken Flügel, hüpft auf der einen Seite seiner Gabelung ein wenig den Stamm hoch; stakst auf der andern Seite auf dem dort flacher wachsenden dicken Ast nach außen; fängt sich mit weit ausgebreiteten Flügeln, wenn es dabei abzurutschen droht. Keine Spur von seiner Mutter. Es beginnt kläglich nach ihr zu schreien, und sitzt dann wieder still, ein Bild der Verlassenheit.

Aus dem Ahorn, auf dem es sitzt, propellern immer wieder einzelne Samen nach unten wie irgendwelche Dinge in Computerspielen, die man in einem Korb auffangen oder vor denen man sich in Sicherheit bringen muss.

An meinem Balkon vorbei lässt der Wind behutsam einen einzelnen Pusteblumensamen aufsteigen.

Als eine Krähe durch den Hinterhof fliegt, reißt das Krähenkind im Baum seinen Schnabel so weit auf, dass ich – viele Meter entfernt – das Rote im Inneren seiner Kehle leuchten sehe. Aber die große Krähe fliegt vorbei. Inzwischen warte auch ich gespannt – und irgendwie entrüstet über ihr langes Ausbleiben – auf die Krähenmutter. Kann das wirklich so lange dauern, ein paar Würmer einzusammeln? Und warum ist das Kleine so allen, hat es keine Geschwister?

Irgendwann hat das Küken sich beruhigt, vielleicht ist es eingeschlafen. Es wird kühl, ich gehe nach drinnen. Als ich nach einer Weile aus dem Fenster schaue, ist die Gaben im Ahornstamm im frühen Abendlicht leer.

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