Weiterschreiben

Ich sitze auf meinem Balkon, der in diesem Jahr ein grüner Dschungel ist – mit Ringelblumen, die reichlich Samen ansetzen; Winden, die haufenweise sorgfältig gerollte Blütenknospen für morgen tragen; den blühenden Lilien und der Tomatenpflanze, die sich unter der Last ihrer Früchte schwer auf die Seitenlehne meiner Balkonbank stützt; mit windschiefen Sonnenblumen und einer unter einer wild ausgesamten blauen Winde beinahe erstickten Papkrikapflanze, die eine einzige kleine blässliche Frucht angesetzt hat.

Vor dem Balkon rauscht der Regen und bringt ein wenig Abkühlung nach einem weiteren heißen Tag. Ich sitze hier und denke über das Weiterschreiben nach.

Ich möchte meinen Blog nicht aufgeben.

Aber mein Lebensgefühl (ach, dieses schöne deutsche Gefühlswort – ) hat sich so sehr verändert, dass ich nach einer Form des Weiterschreibens suchen muss, die jetzt für mich passt.

Das ist schwierig.

Was geschieht da gerade?
Vieles verändert sich.

Das Weiterwachsen unseres Wechselmodells wird die Zeit verkürzen, die ich ohne Kinder verbringe. Die beiden sollen um einen Tag versetzt wechseln, um auch Aktivitäten zu ermöglichen, die mit beiden Jungs gemeinsam schwierig sind. Zusätzlich soll der Zehnjährige an einem Tag der Woche über seinen Aufenthalt selbst entscheiden können; er äußert seinen Willen, es ist nicht mehr einzusehen, ihm ohne Berücksichtigung seiner Interessen vorzuschreiben, wann er sich bei seinem Vater oder mir aufzuhalten hat.

Überhaupt wird der Zehnjährige selbständiger. Die ersten Wege außerhalb unseres Kiezes darf er seit diesem Frühjahr allein zurücklegen. Seit der Fahrradprüfung besteht er darauf, allein mit dem Rad zur Schule zu fahren – und ist, wenn hitzefrei angesagt ist oder sein Bruder zum Schwimmen geht, auch schon mal gerne allein zu Hause.

Für mich bedeutet letzteres Erleichterung, ersteres aber weniger als früher die Möglichkeit, mein „eigentliches“ Leben – das, was ich als „eigentlich“ empfinde – in die Zeit zu verlagern, in der meine Söhne bei ihrem Vater sind. Mein „wirkliches“ Leben ist mein Familienleben. So sollte es ja auch sein – oder nicht?

Ach, das große Berlin, voller Leben und Möglichkeiten und Verlockungen. In den letzten fünf Jahren hatte ich fast immer mehr Ideen und Pläne, als sich realisieren ließen. Weder zum Zen noch zum Flamenco bin ich je wirklich gegangen; habe keinen Schreibkurs besucht und bin keiner Wandergruppe beigetreten. Aber von all dem habe ich geträumt, habe mir eingebildet, ich könnte, ich könnte ja, eigentlich jederzeit, sobald dieser oder jener Punkt von der To-Do-Liste abgearbeitet wäre.

Aber seit längerer Zeit schon kommen mir all die wunderbaren Möglichkeiten unrealistisch und mein abenteuerlustiger Übermut weit, weit entfernt vor. Es ist, als ob das, was ich nach der Trennung vom Vater meiner Kinder an mir selbst – unabhängig von meiner Rolle als Mutter – wiederentdeckt habe, nun wieder von mir abfällt. Weil es einen enormen Kraftaufwand bedeutet, das Leben von zwei Grundschulkindern zu organisieren. Weil die Büroarbeit über ihre nett gedachte 80%-Begrenzung in die Abende und Wochenenden suppt. Weil es mir nicht mehr reicht, wichtige, nährende Beziehungen nur in dem Teil meines Lebens zu leben, in dem ich „kinderlos“ bin.

Weil ich so müde bin.

Mehrfach ist mir in den letzten Monaten der Begriff der „Rush-Hour des Lebens“ für diese Jahre begegnet, in denen alles auf einmal wichtig ist, Beruf und Kinder und, wenn möglich, auch noch die Verwirklichung diverser Träume, Reisen und Eigenheimprojekte.
In der neuesten Ausgabe von Publik Forum erzählt ein Artikel davon, dass es genau diese Überforderung mit verschiedensten Themen ist, die es in der „Lebensmitte“ so schwer macht, neue Freunde zu finden. Die meisten Menschen haben schlicht zu wenig Zeit, um den Kontakt zu neuen Menschen aufzubauen. Und da ist was dran. Für die Bekannten und Nachbarn, die uns in den letzten Jahren durch Umzüge „verlorengegangen“ sind, sind kaum neue nachgekommen. Keiner meiner Hausnachbarn nimmt meine Einladung an, als ich im Hinterhof mit Familie und guten Freunden (doch, die gibt es…) feiere und nicht nur mit einem Aushang im Treppenhaus einlade, sondern auch mehrere Familien im Haus direkt anspreche und zu Kuchen und Kaffee bitte. Alle sind zu beschäftigt.

Die Konsequenz ist, dass da manchmal tagelang kein anderer Erwachsener ist, mit dem ich außerhalb von Büro- und Kindergartenhallihallo rede. Und es sieht nicht danach aus, als ob sich das leicht ändern würde.

All das macht mich in den letzten Monaten still, nachdenklich und zurückgezogen. Es gibt wenig zu schreiben über mein Leben; wenig kommt mir berichtenswert vor.

Alles wird erst einmal einfach genau so weitergehen, denke ich.
Aber auch: wer weiß, wozu diese Zeit gut ist. Und was – irgendwann – Neues kommen wird.

Weiterschreiben also. Vielleicht selten. Vielleicht in kurzer Notizform. Wahrscheinlich immer wieder von den selben Themen. Und davon, wie es weitergeht.

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8 Gedanken zu „Weiterschreiben

  1. jongleurin

    Ach ja, ich würde auch das weiter schreiben empfehlen – es hilft ja auch, Prozesse wie die deinen zu begleiten. Und wenn sich die Art des Schreibens dabei verändert, ist das völlig berechtigt, wenn nicht sogar erwünscht, auch von uns Lesenden. Das ist ja das Spannende an Blogs.
    Deine Gedanken kenne ich auch, nicht ganz so extrem, weil mit Kleinkind das Wechselmodell noch nicht so organisationsbedürftig ist, ich nur 65% arbeite und ich einen festen Partner habe, der mir „Erwachsenenfutter“ gibt. Ich merke aber auch, dass neue Freunde schwer zu finden sind und die Energie dafür auch an kinderfreien Tagen nicht da ist, von Ideen ganz abgesehen. Das letzte Mal war das in der Elternzeit möglich. Aber da du schon die Idee mit der Hausgemeinschaft hattest, wäre meine Ergänzungsidee, für diese eine eigene Einladung zu machen. Ich persönlich hätte tatsächlich wenig Lust, bei einem schon bestehenden Freundes/Familienkreis aufzuploppen, meine Hemmschwelle ist da zu groß. Vielleicht ging das deinen Nachbarn ebenso.
    Ich versuche gerade, die Trennung zwischen „eigentlichem“ und „wirklichen“ Leben (sehr schöne Begriffsfindung!) nicht so groß werden zu lassen, auch mal abends wegzugehen, wenn die Kleine bei mir ist, mit der Kleinen die kinderlosen Freunde treffen und zum Sport zu gehen, ohne Kleine die Freunde mit Kindern treffen… Das ist allerdings auch nichts Neues für dich, wenn ich das richtig verfolgt habe bei dir.
    Fakt ist, dass das Wechselmodell nicht nur für die Kinder energiefressend ist, vor allem, wenn es flexibilisiert wird. Übergänge kosten Ressourcen, das ist nun einmal so. Andererseits wäre es eventuell noch anstrengender, wenn du allein erziehend wärest, nur eben auf andere Art und Weise. Es ist auch völlig in Ordnung, da schlapp zu sein – es sollte vielleicht nicht zum Dauerzustand werden, aber Luft holen muss halt auch mal sein. Ich denke dann immer: das wahre, wilde, alte Leben, das kommt wieder, wenn das jüngste Kind ungefähr 15 ist. Das ist bei dir gar nicht mehr so lange hin!
    (Sorry, jetzt habe ich hier einen kompletten Roman hingelegt, das war gar nicht meine Absicht. Aber ich konnte nicht aufhören zu tippen. Da sollte ich vielleicht mal einen eigenen Blogbeitrag zum Thema verfassen :-)…)

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    1. Greta Autor

      Liebe Jongleurin, danke für Deinen lieben, ausführlichen und ermutigenden Kommentar! Es tut immer gut, zu hören und zu lesen, dass andere sich ähnlich fühlen oder die Gedanken kennen, mit denen man sich selbst herumplagt. – Hier stehen nun endlich die Ferien vor der Tür, so dass ich hoffe, ein bisschen abschalten zu können und dann gut in die „neue Zeit“ mit zwei Grundschulkindern zu starten und wieder mehr Kraft dafür zu haben, neue Kontakte hier im „Nahbereich“ zu knüpfen. Ich würde mich freuen, wenn Du mal in einem Blogbeitrag darüber schreibst, wie das mit dem „eigentlichen“ und dem „wirklichen“ Leben für Dich als Wechselmodellmama ist! Ein lieber Gruß von Greta

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  2. guinness44

    Ich schreibe fast gar nicht mehr und komme auch kaum zum Lesen. Es gibt diese Phasen.

    Es gibt auch dieses Plateau. Auf einmal stellt man fest, dass es nicht weiter geht bzw besser wird. Man muss seine Ansprüche anpassen und will es aber nicht zulassen. Ich habe dann immer „Die Ärzte“ im Kopf: Ist das alles?

    Es hilft mir und auch anderen sich ab und an bewusst zu machen was man alles hat und für selbstverständlich hält. Dem ist aber nicht so. man darf sich auch nicht vormachen, dass es bei anderen besser laufen würde. Da hat jeder sein Päckchen zu tragen.

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    1. Greta Autor

      Ja, das ist beides wichtig und hilft: sich klarzumachen, dass es einem eigentlich in vieler Hinsicht sehr, sehr gut geht – und zu merken, dass andere auch mit ähnlichen Zweifeln und Sorgen und Gedanken kämpfen. Liebe Grüße!

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  3. Susanne Haun

    Liebe Greta,
    ich fände die Idee schön, wenn wir und wiedereinmal „reallife“ treffen, die Semesterferien beginnen in einer Woche und ich habe flexibler Zeit als während des Semesters.
    Wie sieht es im August mit deiner Kinderfreien Zeit aus? Ist noch ein Termin zu haben?
    Und weiterschreiben – ja – ohne Streß, sind es Notizen, dann sind es Notizen und ist es ein langer Text, dann ist es ein langer Text .
    Liebe Grüße von Susanne

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  4. tikerscherktikerscherk

    Liebe Greta,
    schön Dich wieder zu lesen, ich jhatte mir Gedanken gemacht, weil es so still hier war.
    Es sind genau diese Themen, die sich immerzu wiederholen, die jedes Leben ausmachen, nicht nur das Deine, auch wenn das kein Trost sein mag.
    Aber Dein Leben erscheint mir immer so warm und so geordnet und so voller Respekt und Zuneigung innerhalb Eurer kleinen Familie, und Du schreibst darüber so bildhaft und atmosphärisch dicht und nachdenklich besonnen, dass ich immer weiter lesen mag. Und wenn es Notizen sind, dann bilden eben diese ab, was gerade bei Dir los ist und wie groß die Zeitnot ist.
    Neue Freunde zu finden, wenn man mitten in der rush-hour des Lebens ist, ist wirklich schwer. Die Zurückhaltung der Nachbarn zu einem privaten Fest zu kommen kenne ich auch. Vermutlich würde ich es ebenso wenig wagen, wenn wirklich gute Freunde zusammen sitzen mich einfach dazu zu gesellen.

    Ruh Dich aus, wenn Du müde bist. Sitz auf Deinem Balkon und schaue über Deine Blumen hinweg auf die Stadt.
    Ich wünsche Dir soviel Entspannung und Ruhe wie irgendmöglich.

    Liebe Grüße

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    1. Greta Autor

      Liebe Tikerscherk, danke für Deinen lieben, einfühlsamen Kommentar und die guten Wünsche! Genau das, was Du mir rätst, mache ich gerade: sitze auf dem Balkon, schaue ins Grüne und ruhe mich aus. Und in den Urlaub (das Schuljahr ist ja nun endlich beinahe vorbei) soll nicht nur das kontemplative Strickzeug, sondern auch das Laptop zum Schreiben mitreisen. Ein lieber Gruß von Greta

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