Sommer, Teil II

Traurig gebe ich meine Kinder bei ihrem Vater ab. Wir sind drei Wochen zusammengewesen – das hat uns „trennungsverwöhnten“ Wechselmodellern richtig, richtig gutgetan. Trotzdem freue ich mich auf die Tage, die ich jetzt mal wieder allein verbringen werde. Ich merke, dass ich mich tatsächlich besser, erholter fühle als vor dem Urlaub.

Innerhalb eines einzigen Tages stürze ich die Wohnung in ein großes kreatives Chaos: Das Zimmer des Sechsjährigen ist halb ausgeräumt, Tischplatte und höhenverstellbare Beine für seinen Schulschreibtisch und Bretter für ein neues Regal liegen herum, Werkzeuge und ein Farbeimer mit einem Rest eingetrockneter weißer Wandfarbe, den ich später mit etwas Wasser und einem Schulpinsel so weit wiederbeleben werde, dass ich Flecken und Macken auf der Tapete und mit – äh, ja – Fugenmörtel zugegipste alte Bohrlöcher überpinseln kann. In meinem Zimmer steht die Matratze des Kinderbettchens, das der Sechsjährige unbedingt noch behalten will, inmitten von Stoffen, mit denen ich sie beziehen und das Kinderbettchen vielleicht in eine Kuschelhöhle verwandeln will. Auf dem großen Tisch liegen die Schulmaterialien, die ich schon besorgt habe, daneben die Materiallisten mit all dem, was noch fehlt. Eine coole Zuckertüte und ein Plüschfußball warten darauf, in ein sicheres Versteck zu wandern. Ein Berg zu klein gewordener Kindersachen liegt zum Sortieren auf dem Sessel. Auf meinem Sofa hat das Strick-Lager eröffnet, bergeweise Wolle und Zettel mit handgeschriebenen Maschenrechnungen; Nadelspiele und Schere warten auf den Abend, wenn ich den Krimi anschalte und meine fünf äußerst störrischen Nadeln beschimpfe, während ich eifrig an einer Mütze für den Sechsjährigen arbeite, die (leider sehe ich das erst am Ende) komplett misslingt.

Ich ziehe durch die Stadt, kaufe mir endlich – endlich! – eine neue Handtasche, gebe mein letztes Bargeld im Secondhandladen für ein Sommerkleid aus. Ich schaue auf dem Friedhof nach dem Rechten und pflanze Chrysanthemen nach, wo die Schnecken sich die Studentenblumen zum Nachtisch geholt haben.
Ich fahre ganz alleine an meinen Lieblingsbadesee und schwimme und schwimme und schwimme…  Ich frohlocke, als ich sehe, dass meine Wetterapp optimistisch ist und für die ganze Woche warme Temperaturen ankündigt.

Es ist Sommer, im Büro ist es friedlich, die Seen locken, ich habe wieder Ideen im Kopf und Lust zu leben.
So soll es sein.

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3 Gedanken zu „Sommer, Teil II

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