Fundstücke

Eine kleine Wochenendreise, Freitag auf Samstag. Auf der Hinreise etwas Wartezeit am Bahnhof; auf der Rückreise ein verpasster Anschluss – und natürlich zieht es mich in die Buchhandlungen, obwohl ich ein Buch im Gepäck habe: Fredrik Sjöbergs „Die Fliegenfalle“, das mir bei einem anderen Bummel ein paar Monate vorher in die Hände gefallen ist.

Ich schlendere durch die Bahnhofsbuchhandlung am Berliner Südkreuz und stelle einmal mehr fest, dass ich die Art mag, in der diese neuen Zeitschriften – „Flow“ und „Happinez“, leichtverdauliche Wohlfühlversprechen, Bastelanleitungen und Binsenweisheiten – und die Frauenbüchercover neuerdings illustriert sind. Das neue Buch von Jojo Moyes ist noch nicht ausgeliefert, und ich weiß auch noch nicht, ob ich eine Fortsetzung von „Ein ganzes halbes Jahr“ lesen will; ich glaube nicht richtig, dass die Autorin nochmal ein Buch schreiben wird, das an ihren Erstling heranreicht. Aber ich bin auch garnicht auf der Suche nach romantischer Liebe zwischen Buchdeckeln. Da drüben stehen die All-Age-Vampire, dort liegt ein Tisch voller Regionalkrimis, die mag ich auch nicht. Meinen Glücksmoment habe ich, als ich Rebeca Solnits „Wenn Männer mir die Welt erklären“ entdecke, als ich gerade die Anzahl der Frauen- und Männernamen auf den philosophischen „Anregungen für 2016“ prüfe; da liegt es! Einfach so!, gleich neben „Darm mit Charm“ – die Buchhandlung steigt irgendwo in meiner inneren Rangliste ein paar Punkte auf. Und dann gehe ich doch mit einem älteren Band Terry Pratchett zur Kasse (nur um im Zug festzustellen, dass ich seine Bücher nicht mehr so gern mag wie früher) – und mit einer Auswahl aus einer neuen Serie Spruchpostkarten. „Ich bin froh, dass ich mein Essen nicht selber jagen muss. Ich wüsste nicht mal, wo Pizzen leben“, und „Da will man mal in Ruhe das ganze Haus putzen und was passiert? Man hat keine Lust“, und „Ich kam, sah, und vergaß, was ich vorhatte“. Postkarten machen einfach glücklich.

Auf der Rückreise – Terry Pratchett in der „Erfurter Bahn“ gelassen, in deren Schienenbussen neuerdings kleine Tauschbuchregale integriert sind (dieses hier enthielt „Störtebecker“ und einen Band Maupassant in alten DDR-Leinenausgaben, und möglicherweise gab es Reisende, die meine Zugabe eine Bereicherung nennen würden) – strande ich in Leipzig und stöbere eine ganze Weile in der stattlichen Ludwig-Buchhandlung herum. Rebeca Solnit gibt es hier nicht, es ist einfach keine Kategorie vorgesehen, in der sie untergebracht werden könnte. Politik? Ethik? Nirgendwo. Oder richtig, richtig gut versteckt. Ganz zu schweigen von Laurie Pennies „Unsagbare Dinge“, in das ich gern einen Blick werfen würde, seit ich gesehen habe, wie das Buch auf Amazon die Leute polarisiert. Stattdessen nehme ich Rachel Macy Staffords „Der Tag, an dem ich aufhörte, beeil dich zu sagen“ zur Hand. Eine Mutter, die die Augenblicke mit ihren Kindern genießen möchte, statt ihren To-Do-Listen hinterherzuhetzen. So weit, so gut – ich erwarte irgendwie, auf einer der ersten Seiten zu lesen, wie sie ihren Beruf aufgibt, um hinzukriegen, was sie sich da so hehr vornimmt, aber dann scheint es doch darauf hinauszulaufen, dann und wann Laptop, Smartfon und Telefon beiseitezulassen. Und als sie sich dazu einmal entschieden hatte, schreibt die Autorin, fing sie gleich an, über ihre Erfahrungen mit diesem Selbstversuch zu bloggen und richtete eine Facebookseite dazu ein. Ach so. Ich lege das Buch wieder beiseite. An der Kasse blättere ich noch ein Weilchen in den vielen Ausmalbüchern für Erwachsene – Zen und Entspannung und Selbstzentrierung und was sie nicht alles versprechen, ein Verkaufsrenner, obwohl ich mir nicht wirklich vorstellen kann, dass irgendjemand die winzig kleinen Flächen der filigranen Muster wirklich ausmalt. Wer hat denn Zeit für sowas?

Dann gehe ich. „Die Fliegenfalle“ lese ich im Zug nach Berlin aus. Ein schönes, unterhaltsames Buch über das Leben und die Schwebfliegen auf einer kleinen schwedischen Insel, die Selbstbeschränkung und diverse Insektenforscher jener goldenen Zeit, in der die Welt noch voller weißer Flecken war, aber bereits die Möglichkeiten bot, diese zu erforschen. Beides – die Wissenschaftler dieser Zeit und das Thema Entomologie – begegnet mir nicht zum ersten Mal in essayistischer Literatur. Beides hat diesen Glanz eines Lebens ohne Handys, Ausmalmandalas, To-Do-Listen und banaler Zugverspätungen; diesen Glanz von Forschung, der unendllich viel Optimismus und Neugier zu Grunde liegt; verwegene Abenteuerlust im Falle der Reisenden und verschrobene Geduld im Falle der zu Hause keschernden Forscher und bei beiden das Streben nach dem Ruhm, eine neue Spezies – sei es eine Pflanze in einem unerforschten Land, sei es eine neue Schwebfliegenart vor der eigenen Haustier – zu entdecken.

Lächelnd – diesen Glanz noch ein wenig in den Augen – packe ich mein Buch ein. Wir kommen in Berlin an. Ab nach Hause.

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7 Gedanken zu „Fundstücke

    1. Greta Autor

      Ja, das finde ich auch sehr toll. Ist aber eine dieser kleinen regionalen Privatbahnen, nicht die DB. Aber ich lasse auch in S-Bahnen manchmal einfach ein Buch liegen, wenn ich denke, dass sich da noch wer dran freuen könnte.

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  1. jongleurin

    Interessante Lektürehinweise, die in diesem schönen Post mal so eben ganz elegant-subtil auftauchen, das mag ich! Ich hatte ein ähnliches Erlebnis mit einem neueren Terry-Pratchett-Buch, es fehlte mir völlig der kleine Rausch, den ich früher beim Lesen hatte. Ich glaube, es liegt auch an den ÜbersetzerInnen, da ist irgendetwas schief gelaufen. Auch die Neuauflagen leiden ein wenig, glaube ich… Alleine schon, dass da plötzlich gesiezt wird, hat mich tief irritiert.

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    1. Greta Autor

      Manche der späteren Romane mochte ich auch nicht – der, den ich jetzt hatte, war älter und vielleicht schlecht übersetzt, das kann sein. Oder es lag an den Zauberern und den unvermeidlichen Kerkerdimensionen. Schon immer mochte ich die Scheibenwelt-Romane mit den Hexen am allerliebsten…

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