Ferienleben

Auch die zweite Sommerferienhälfte neigt sich ihrem Ende zu. Noch eine Woche für die großen Schüler, noch zwei für die „Ersties“, zu denen der Sechsjährige gehören wird. Ich habe meinen jährlichen Großauftritt im Schreibwarenladen, in diesem Jahr zum ersten Mal mit gleich zwei Materiallisten. Die Verkäuferin, die mich bedient, hat ihren ersten Arbeitstag und kennt ihr Sortiment schon viel besser, als ich nach einer Stunde den Laden verlasse, beladen mit Heften aller Lineaturen, Knete im Behälter, Zeichen- und Tonkartonblöcken, Pinseln und Schreiblernbleistiften, der Wunschfedertasche und 1001 anderen Dingen.

Einen ganzen Sonntagnachmittag verbringen wir damit, aus der riesigen Tüte voller Material die Schulsachen für die Kinder zusammenzustellen, mit Namen zu beschriften, die Hefte in Umschläge in der vorgeschriebenen Farbe zu stecken und die Hefter mit den vorgeschriebenen Sorten Papier zu befüllen.

Unter der Woche gehen meine Söhne tagsüber in den Hort und tauschen dort Fußball-, Drachen- oder Minions-Karten mit Freunden. Nachmittags fahren ihr Vater oder ich mit ihnen an den Badesee.

Wenn ich allein bin, sitze ich morgens mit meinem Kaffee auf dem Balkon. Der Hausmeister des Nachbarhofes guckt in den Mülltonnen nach Pfandflaschen und startet seinen Rasenmähtraktor. Eine frühe Biene kriecht tief in eine ganz frische Windenblüte und hat Mühe, sich rückwärts wieder hinauszuschieben. Ich sammle Samen von Ringelblumen und Tagetes ein; bringe welchen von wilden Malven von einem Spaziergang mit und hoffe, dass all die Blumen nächstes Jahr etwas werden.

Der Schienenersatzverkehr auf meiner S-Bahn-Strecke beschert mit einen täglichen Morgenspaziergang – eine Station weit – auf dem mir Häuser und Gärten und Fenster und Blicke in Seitenstraßen von Tag zu Tag immer vertrauter werden. Ob die Frau, die gestern, in eine riesige Duschduftwolke gehüllt, in ihr Auto gestiegen ist, heute wieder zur gleichen Zeit losgeht? Ob auf der selbstgebauten Terrasse meines Lieblingshäuschens wieder das Pärchen frühstückt, urlaubsentspannt mit Zeitung und Kaffeekanne? Ob ich morgen reifen Samen an den rosa Winden finde, die in einem der Gärten so schön über den Zaun blühen?

Zu Hause in meiner Küche hat sich eine Bande Fruchtfliegen eingerichtet. Frech sitzen sie auf dem Rand der Tasse mit Essigwasser, die die Besuchsfreundin als Falle aufgestellt hat. Erst in einem von meinen Kindern verschmähten Glas Orangensaft ertrinken drei der kleinen Insekten, die übrigen sitzen auf dem Rand und halten eine Weiterbildung zum Thema Unfallvermeidung ab. Ich sammle jede Menge schlechtes Karma, als ich überraschend die Hände über das Glas lege und fast ein Dutzend hinterher hilflos im Saft zappelt.

Der Zehnjährige fährt zwei Tage lang mit seiner Patentante, einigen ihrer Freunde und einem kleinen Prinzesschen aufs Land; hinterher erzählt er begeistert vom Baden in drei Seen und vom Feuer, an dem Würstchen und Marshmallows gebraten wurden. Mit dem Sechsjährigen war ich in der Zwischenzeit beim Arzt; eine Stunde lang hat er immer wieder bronchienverengendes Mittel inhaliert und mit erst kräftigen, später schwächeren Atemzügen Luftballons auf einem Bildschirm platzen lassen. Plötzlich bin ich in ein „Disease Management Programme“ für Asthmakinder eingeschrieben und habe ein Rezept für Kortisoninhalationen in der Hand. Die abschließende Diagnostik der Feinstaubmilbenallergie steht noch aus, nein, sagt die Ärztin pessimistisch, zwei Allergiker-Matratzenüberzüge bezahlt ihnen die Krankenkasse nicht, denen ist ihr Wechselmodell doch egal.

Mit dem Inhalationsmittel im Gepäck fahren meine Kinder mit ihrem Vater für eine Woche in den Urlaub. Ich setze mich mit der Besuchsfreundin an den Tisch und fülle kleine Geschenkzuckertüten für den Zehnjährigen und für die Freunde des Sechsjährigen mit Aufklebern und Gummibärchen, Schokoladenbuchstaben und Überraschungseiern.

Am Nachmittag fahren wir in die Stadt, es ist einer dieser Tage, an denen alle Menschen schön aussehen: die jungen Mädchen in den bauchfreien Tops mit dem strahlenden Selbstbewusstsein, die noch nicht wissen, dass auch sie älter werden; die arabischen Familien mit den Kopftuchfrauen; die Mama, die über dem Buggy mit ihrem Baby auf dem S-Bahnsteig Seifenblasen aufsteigen lässt. Unser Ziel ist Moabit; wir trinken einen Kaffee in einem Halal-Burgerladen und gehen zu den Anonymen Zeichnern, einem Ausstellungsprojekt, dessen Konzept mich schon im letzten Jahr begeistert hat. Auch wenn schon einige der anfänglich 600 dicht an dicht und ohne Nennung des Künstlernamens aufgehängten Zeichnungen verkauft sind, ist die Ausstellung wunderschön; wir bewundern die Vielfalt und Kreativität der Zeichnungen, freuen uns am technischen Können der Künstler und den Assoziationen, die sich aus dem Nebeneinander der verschiedenen Bilder ergeben.

Noch eine letzte Ferienwoche ohne Kinder liegt vor mir. Von Weitem sah sie in meinem Kalender nach luxeriös viel freier Zeit aus; von Nahem ist sie kurz, ich habe doch eigentlich noch so viel vor, ich mag den Sommer in Berlin so gern. Aber der hat seinen Höhepunkt überschritten. Die Nächte werden wieder kühl, auf dem Badesee treiben die ersten Herbstblätter. Nicht mehr lang, dann wird das Wasser zu kalt sein zum Schwimmen; dann werden die S-Bahnen wieder fahren, die leeren Seiten in den Schulheften beschrieben, die Essigfliegen verschwinden… und die Kinder und ich wieder im Alltagstrott laufen.

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4 Gedanken zu „Ferienleben

  1. wildgans

    Bin gerne mitgegangen, auch in den Schreibwarenladen. Boah, und was das alles kostet. Hunderte von D-Mark früher bei unseren drei Kindern. Ohne Lehrmittelfreiheit. Hier im Dorf gab man die Schulbücher weiter unter denen der gleichen Schülergeneration.
    Das mit den Zeichnungen werde ich mir näher anschauen! – Stimmungsvoll auch die kühler werdenden Abende und Nächte und die Trockenblätter auf dem Wasser. Ich wünsche Dir gute Zeiten dort in der großen Stadt!

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    1. Greta Autor

      Danke! Ja, teuer wars im Schreibwarenladen. Für die Bücher hat unsere Schule jetzt einen Lernmittelfonds, die werden also auch von Jahr zu Jahr weitergegeben. Und die Anonymen Zeichner… ja, da kann ich nur schwärmen. Wenn man den Künstler nicht weiß und jedes Bild gleich viel kostet und dann hängen nebeneinander Blätter mit „Kindergekrakel“ und handwerklich perfekte Zeichnungen und solche, die mit ganz wenig ganz viel machen… sehr, sehr toll. Liebe Grüße zurück aus der großen Stadt! Finde bei Dir immer wieder so schöne Texte und Anregungen…

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  2. Pingback: Oh, wie es staubt! | gretaunddasleben

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