Schulkind

Schuleinführung, endlich! Wahrscheinlich werden in Berlin die Erstklässler vor allem deshalb erst eine Woche nach den anderen Kindern in die Schule geschickt, damit alle Eltern auch wirklich richtig, richtig froh sind, dass es nun mal endlich losgeht, nachdem sie ihre zunehmend zappeligen, aufgeregten, überdrehten, erwartungsvollen Kinder noch eine letzte, siebente Woche irgendwie betreut oder bei Verwandten gerade noch mal so untergeschoben haben.

Mein Sechsjähriger hat sich durch einige letzte Tage gelangweilt, an denen ich meine drei Stunden Homeoffice am Rechner vertastenklappert habe, er ist ganz cool, schläft auch in der Nacht vor der Feier und erst recht in der Nacht vor dem ersten Schultag gut. Auf der Schuleinführungsfeier ruft er ganz laut die Antworten auf die ganz einfachen Rechenaufgaben rein, die der Direktor den versammelten „Ersties“ stellt.

Dann stehen 24 Familien erwartungsvoll auf dem Schulhof herum, Eltern tragen Zuckertüten im Arm, schöne, bunte, mit Stoff überzogene, selbstgefilzte, das größere Planes-Modell ist natürlich auch dabei (fällt dem Sechsjährigen, der der kleinere Modell bekommt, zum Glück nicht auf), eine ganz schwarze Tüte ist dabei und eine, die oben lauter Kreppapierfeuerflammen hat und eine rote mit Pferd, die extra im Internet bestellt werden musste, weil handelsübliche Pferdezuckertüten nun mal rosa sind.

Wir stellen uns mit dem Sechsjährigen zum Fototermin auf. Zum Glück ist die Phase endlich vorbei, in der er es lustig fand, die Zunge herauszustrecken, sobald fotografiert wurde.

Dann verlassen wir das bunte Treiben auf dem Schulhof und gehen essen.

Wechselmodellfamilienfeiern sind blöd. Da sitzen zwei halbe Familien an einem Tisch, die lieber eine ganze wären und es miteinander nicht hingekriegt haben. Eltern, die einander eigentlich gern aus dem Weg gehen möchten und auch nach Jahren noch blind die empfindlichen Stellen des anderen mit einer einzigen Bemerkung treffen können. Gewesene Schwiegereltern, die unsicher mit dem gewesenen Schwiegerkind umgehen. Meine liebe große Schwester, die sich nach allen Seiten freundlich unterhält. Natürlich müssen wir ewig auf das Essen warten – Wart Ihr überhaupt schon mal hier?, fragt der väterlicherseitige Großvater meiner Kinder spitz, wollen wir nicht lieber gleich was zum Abendessen bestellen? – und dann sitze ich zu weit vom Sechsjährigen weg, um darauf zu achten, dass er die Spaghetti, die sein Vater ihm bestellt hat, einigermaßen anständig isst. Der Zehnjährige kämpft mit einem stumpfen Messer wild gegen eine Pizza, die zäh ist wie Drachenhaut.

Auf dem Hinterhof des Vaters meiner Kinder, wo wir eigentlich den Nachmittag mit Kaffee und Kuchen und den Freunden des Sechsjährigen verbringen wollten, treffen die väterlicherseitigen Großeltern zum ersten Mal auf die neue Freundin des Vaters meiner Kinder, die der Vater meiner Kinder eingeladen hat, weil ihr Sohn zu den besten Freunden des Sechsjährigen gehört. Und weil der Wind heult und Regenwolken aufziehen, sitzt die ganze sonderbare Konstellation auf einmal in meinem Wohnzimmer. Die Freundin des Vaters meiner Kinder gibt Geschichten aus ihrem gemeinsamen Urlaub mit meinen Kindern und dem Vater meiner Kinder zum besten. Ich flüchte, weil ich sie am liebsten rauswerfen würde und weil das nicht geht. Beim Sechsjährigen sitzen vier Jungs mit leuchtenden Augen um den neuen Legobausatz herum, mit dem die Freundin des Vaters meiner Kinder den Schuleinführungsgeschenkevogel abgeschossen hat. Beim Zehnjährigen haben meine Nachbarschafts-Freundin und meine große Schwester mit den restlichen Kindern eine ganz, ganz große Murmelbahn aufgebaut, da finde ich Unterschlupf.

Ufff, denke ich am Abend, nie wieder feiern. Nie wieder so. Aber mein kleiner Sohn ist glücklich, und der große scheint sich nicht so genau wie ich daran zu erinnern, dass er vor vier Jahren nicht ganz so tolle Geschenke bekommen hat, sondern vor allem – nun ja, vielleicht täuscht meine Erinnerung auch – Bleistifte und Anspitzer, die für drei Schuljahre gereicht haben.

Und dann ist endlich Montag. Der Sechsjährige kommt schlaftrunken in die Küche getappt. Ich nehme meinen kleinen Sohn auf dem Arm und halte ihn ganz fest. Irgendwann in den letzten sieben Wochen ist es tatsächlich passiert, hat er sich verwandelt, ist jetzt kein Kindergartenkind mehr, sondern ein Schulkind – das eine Stunde später an meiner Hand stolz in einen neuen Lebensabschnitt aufbricht, den Ranzen mit den funkelnagelneuen Federmappen und der neuen Fußballertrinkflasche auf dem Rücken.

Mama, sagt der Sechsjährige aufgeregt, kaum dass er in der Schule seine Jacke aufgehängt und seine Hausschuhe angezogen hat, ich will die Lehrerin was fragen! Ja, was denn?, erkundige ich mich. Na, ob ich meine Drachenkarten zum Tauschen mitbringen darf! Öhhh…, sage ich, warte damit doch mal einen oder zwei Tage!

Aber seine Lehrerin ist lieb und durchschaut ganz schnell, dass der Sechsjährige sich schon auskennt. Willst Du mein Erklärer sein, fragt sie, und mir helfen, den anderen zu zeigen, wie das mit den Schließfächern geht? Der Sechsjährige strahlt, ich schließe seine Leherin in mein Herz. Ich gebe meinem Kind einen Kuss und verabschiede mich. Er wird seinen Weg gehen.

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3 Gedanken zu „Schulkind

  1. wildgans

    Wie schön sich das liest! Die Tage in der Schule, in denen die Erstklässler kamen, da vibrierten die Lüfte vor guten Spannungen…
    Wichtig ist, dass es für ihn gut weitergeht. So wie es aussieht, kann das gelingen!
    🙂

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