September

Was in einen Monat so alles hineinpasst!
Septembereindrücke:

Der Sechsjährige mit seiner Schulklasse auf den Treppen zum Eingang der Schule. All die Eltern, die um uns herum Handys und Kameras recken und die stolzen Gesichter ihrer Schulanfänger einfangen wollen. Der altbekannte Schulflur, in dem ich nun in jeder zweiten Woche wieder täglich stehe, um meinen kleinen Sohn abzuholen. Mein Ärger darüber, dass die Elternabende für Klasse 1c und 5c natürlich – natürlich! – parallel stattfinden. Der Zehnjährige, der abends bis neun Hausaufgaben erledigt, die auf einmal schlagartig so viel mehr geworden sind, dass mein unkonzentriertes Kind sie nicht mehr in den dafür vorgesehenen Arbeitszeiten im Ganztagsschultag schafft.

Ein Familienwochenende mit der örtlichen Kirchgemeinde. Viele fremde Gesichter – aber alle sind aufgeschlossen und freundlich. Mit den ersten teilnehmenden Familien kommen wir schon in der Bahn ins Gespräch; was für ein wohltuender Kontrast zum Berliner Alltag, in dem Fremde sonst meistens ausdruckslos aneinander vorbeistarren… Meine Söhne laufen zum ersten Mal einfach mit den anderen Kindern mit. Der Zehnjährige hat einen alten Kita-Freund wiedergetroffen, den wir aus den Augen verloren hatten, weil er eine andere Schule besucht. Ganz selbstverständlich setzen beide sich zusammen an einen eigenen Tisch und verschwinden nach dem Frühstück in Richtung Tischtennisplatte, sobald sie genug Schokomüsli in sich hineingestopft haben. Am Nachmittag steigt plötzlich schon Rauch von der Feuerstelle auf, an der es eigentlich erst am Abend ein Lagerfeuer geben soll. Vom Feuer des Vorabends war genug Glut übrig, ein paar pfadfindererfahrene Mädchen haben das Feuer in Gang gebracht, meine Söhne sind mitten unter den Kindern, die da ohne jede Erwachsenenaufsicht Holz zusammentragen und das Feuer schüren. Abends gibt es dann Stockbrot, das auch nach langer Zeit über der Glut immernoch wie süßer Kuchenteig schmeckt, Gitarrenlieder, eine Gutenachtgeschichte und einen großen brandenburger Himmel voller leuchtender Sterne.

Ein Wochenende mit dem liebsten Freund. Zum ersten Mal in diesem Herbst in die Sauna, mit Blick auf einen See, in dem man von der Sauna aus direkt schwimmen kann, hinaus in die pechschwarzen, kalten, nächtlichen Wasser. Vom See aus sieht man die beleuchtete Stadt, das ist wunderschön. Am nächsten Tag eine Paddeltour, spätsommerliche Sonne, glitschige Haltestangen in der Schleuse, ein Café am Wasser, das Liegestühle rausgestellt hat. Auf dem Rückweg psychosomatischer Gegenwind (eigentlich will ich garnicht zurück…), der für zwei Tage Muskelkater sorgt.

Eine Ausstellung moderner samischer Kunst in den Nordischen Botschaften in Berlin, in einem lichten, mehrstöckigen Gebäude. Ich verliebe mich in einen Baumstamm, ein großes Stück Treibholz, das eine Künstlerin mit Farbe und Glitzersteinen gestaltet hat, „Tochter der Aurora Borealis“. Manchmal möchte ich auch gern eine Künstlerin sein.
Stattdessen nimmt immerhin nebenher meine selbstgestricke Mütze Gestalt an, obwohl ich Fehler mache und häufiger „rückwärts stricken“ muss. Etwas unförmig wird das Ganze am Ende dann doch, leider.

Was noch?

Ich lese „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge und bin beeindruckt; ich verpasse ein Kiezfest, ein Drachenfest, die ArtWeek, den Herbstspaziergang des Schulfördervereins, den Geburtstag einer Freundin und jede Menge Kinofilme. Ich freue mich über und auf Einladungen zu Freunden. Meine ganz große Schwester besucht mich, spontan, für einen Abend und einen Morgen, und begleitet mich und den Sechsjährigen zur zweiten „nasalen Provokation“ bei der Lungenärztin, bei der ihm Hausstaubmilben in die Nase gepustet werden, damit die Krankenkasse nach erfolgter Allergiediagnose einen milbendichten Matratzenbezug stellt.
Ich führe ein Punktesystem für den Sechsjährigen ein – 40 Mal Kortisoninhalation (ohne Meckern und ohne zwischendrin den Mund vom Spacer zu nehmen) wird mit einem Kinobesuch belohnt. Ich führe ein Punktesystem für den Zehnjährigen ein – 30 Mal Hausaufgaben und Ranzenpacken (ohne Meckern, selbständig und vollständig) wird mit einem Mama-und-Sohn-Tag in einem Erlebnisbad belohnt. Der Vater meiner Kinder und ich beginnen, die Kinder um einen Tag verschoben wechseln zu lassen; die ersten Montage mit jeweils nur einem Kind allein sind wunderbar entspannt, auch wenn Arzttermine wahrgenommen und Hausaufgabenberge abgearbeitet werden müssen.

Und nachts, wenn ich nicht schlafen kann, stelle ich im Kopf mein kompliziertes Familien-und-auch-sonst-System auf, nachdem ich mit meiner ganz großen Schwester über Familienaufstellungen gesprochen habe. Es ist offensichtlich, dass es in meinem System viel zu viel Hinundher gibt; dass jede friedliche Interaktion mit dem Vater meiner Kinder gut ist, weil sie den beiden hilft, damit es sie nicht zerreißt; und dass da jemand fehlt, der neben mir steht, der nicht fortgeht.
Therapeutische Septemberbinsenweisheiten um fünf Uhr in der Frühe.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s