Alltag…

Morgens dampft das Wasser im Kanal wie heiße Gemüsebrühe, wenn ich mit dem Sechsjährigen an der Hand zur Schule unterwegs bin. Unser Atem dampft auch. Auf den Blättern der Pappelschosser am Weg liegen viele kleine Tautropfen; auch die knallroten Blätter des wilden Weins sind nass und leuchten gleich noch mehr.

Vor den Schließfächern im Schulflur herrscht Schulanfängerchaos. Eltern grüßen sich von einer Flurseite zur andern, über das wogende Meer aus offenen Ranzen, Sportbeuteln, Jacken, Hausschuhen und mit Schlüsseln hantierenden Kindern hinweg, das sich vor der Lehrerin wundersamerweise teilt.

Auf dem Weg zur S-Bahn gehe ich zwischen den alten Plattenbaublocks durch, vor denen es in liebevoll gepflegten, mit Hecken umhegten Gärtchen herbstlich blüht. Dem vordersten Block wird gerade ein wärmendes Kleid aus Isolierplatten angezogen. Auf einer der Bänke neben der Rasenfläche, die hinter den Blocks zur Straße hin liegt, liegt eine obdachlose Frau und redet wirr im Schlaf.

Nachmittags sind die Kinder müde. Der Zehnjährige kommt mit dem Fahrrad nach Hause, und ich bin froh, wenn ich die beiden nicht nochmal aus dem Haus treiben muss, denn das ist anstrengend, sogar wenn es nur zum Sportverein geht, wo beide gerade wieder sehr gern turnen. Wenn wir zu Hause bleiben können, gibt es eine halbe Stunde Spielzeit, während der ich versuche, die Positionen von Pneumologin und Krankenkasse zum Allergiker-Matratzenbezug des Sechsjährigen irgendwie zusammenzubringen, Bankgeschäfte zu regeln, Geschenke für diverse Anlässe vorzubereiten und im Haushalt wenigstens einen groben Überblick zu behalten. Dann muss der Zehnjährige wieder ran und Schulsachen erledigen – mindestens im Lerntagebuch, das wöchentlich abgegeben werden muss, ist immer was zu ergänzen. Wenn wir gegessen haben und eine halbe Stunde vor dem Computer Fernsehen geschaut haben und der Sechsjährige im Bett liegt, frage ich den Zehnjährigen Englischvokabeln ab. Pädagogische Ratlosigkeit: Wie lassen sich diese Fragewörter bloß auseinanderhalten? Bald werde ich sie selbst verwechseln.

Am Wochenende haben wir – zum ersten Mal seit der Schuleinführung – nichts vor. Oder doch: Auf mich warten die Kartons mit den Wintersachen, in unserem Waldhäuschen werden wir sie in zwei Wochen schon brauchen. Und: Drei Klassenarbeiten hat der Zehnjährige vorzubereiten, so ganz selbständig geht das noch nicht.

Aber vor allem brauchen die Kinder Zeit. Spielzeit zu Hause, miteinander oder allein, mit mir, an der Tischtennisplatte oder auch mal auf dem Fußballplatz – die unter der Woche gerade viel, viel zu kurz kommt. Zeit, in der wir nicht irgendwohin aufbrechen, irgendetwas erledigen müssen. In der ich den beiden in Ruhe zuhören, mit den beiden das neue Lied aus dem Musikunterricht bei youtube suchen oder abends mal mehr als zehn Minuten vorlesen kann.

Familienalltag. Immer wieder muss er sich neu finden, neu einpendeln, während die Kinder größer werden. Mein Gefühl, allem nur noch hinterherzulaufen, muss vor allem dringend wieder aufhören. Zur Zeit ist es schlimm: Eine Freundin erinnert mich am Telefon zufällig an den Freitagstermin des Zehnjährigen. Eine Kollegin erwähnt, dass ja am 3.10. die Läden geschlossen haben. Sonst hätte ich beides vergessen.

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2 Gedanken zu „Alltag…

  1. jongleurin

    Ich weiß, du bist gestresst, aber es liest sich sehr heimelig…!
    Bei deinem letzten Absatz ist mir aufgefallen, dass ich es mir sehr oft erlaube, etwas zu vergessen, zumindest privat. Das entstresst mich ungemein. Wenn es wichtig ist, wird man eh von außen dran erinnert. Und ich gerate nicht in Gefahr, dass ich für super-zuverlässig gehalten werde und alle sich auf mich verlassen, das setzt mich nämlich enorm unter Druck. Lieber den Ball flach halten und keine großen Erwartungen schüren, die ich dann erfüllen muss, ist mein Motto! (Ich hoffe, das lässt sich in ein paar Jahren nach dem Schuleintritt auch durchhalten….)
    Genießt das „freie“ Wochenende!

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    1. Greta Autor

      Liebe Jongleurin, Dein Kommentar hat mich zum Schmunzeln und Nachdenken gebracht. Gute Strategie, das mit dem privaten Vergessen. Ich denke noch darüber nach, ob ich mir das abgucken kann. Oder ob dann nicht wirklich vieles einfach nicht mehr passiert, wenn ich mich nicht kümmere. Ich wäre ja gespannt, wie das für Dich später mit Schulkind ist…
      Und klar habe ich mir die „heimelige“ Sorte Stress ausgesucht. Das ist mir grade wieder deutlich geworden, als es um die Frage ging, mich auf eine Vollzeitstelle zu bewerben, die richtig Karriere bedeutet hätte. Nein, ich will dieses Arbeit-und-Familien-Durcheinander. Ein lieber Gruß, auch wenn er schon aus dem nächsten Wochenende kommt…

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