Ich packe meinen Koffer…

Die Kinder sind „durch“. Ständiges Gezoff, egal, ob die Nägel geschnitten oder die Hausaufgaben gemacht werden sollen; ob es ums Duschen oder um die Schlafenszeit geht. Morgens kriege ich sie kaum wach und schmiere ihnen mitleidig Honigbrote und Wurstbrote, damit sie was essen, bevor wir raus in den Nieselregen gehen.

Zum Glück fällt wenigstens die Englisch-Klassenarbeit des Zehnjährigen aus, deshalb kann er, statt zu lernen, mit seinem Papa Wintersachen kaufen gehen. Wäre ich mal lieber selber gegangen, denke ich hinterher, als der Zehnjährige stolz mit Handschuhen von einem für die üblen Zustände bei seinen Zulieferern verschriehenen Bekleidungs-Discounter und mit vollsynthetischen (aber seiner Meinung nach total schicken!) Winterschuhen ankommt, die wahrscheinlich weder wärmen noch luftdurchlässig sind. Aber zum Zurückbringen haben wir vor dem Urlaub keine Zeit mehr.

Im Büro herrscht Hektik. Planungszeit. Die Anspannung kriecht mir in die Kieferngelenke, meine alte Schwachstelle, die ich (das ist ein gutes Zeichen, eigentlich) schon fast vergessen hatte. Zwischendurch telefoniere ich privat herum: arrangiere den Keyboard-Unterricht für den Sechsjährigen und ein Leih-Instrument; schubse die Hausverwaltung, die endlich jemanden beauftragen muss, der die Heizung in meiner Wohnung wieder in Ordnung bringt; bestelle den Rufbus, mit dem wir am Samstag in Brandenburg vielleicht trotz Schienenersatzverkehr zu unserem Waldhäuschen kommen.

In meinem Wohnzimmer quellen dicke Pullover, lange Unterhosen und warme Socken aus den noch nicht ganz fertiggepackten Koffern. Lesestoff und Bastelkram nehmen den Platz ein, der eigentlich für die Zutaten für sechs Mittagessen vorgesehen war. Mit müssen die trotzdem – auf reichlich frische Pilze und Beeren können wir uns in diesem Jahr ja nicht verlassen. Irgendwohin muss auch noch das Spielzeug, vor allem die gerade total angesagten sonderbaren Kreisel, die die Jungs aus allerlei Metall- und Plastikteilen zusammenschrauben und dann gegeneinander „kämpfen“ lassen.

Obwohl der Sechsjährige einen Flunsch zieht, weil wir vielleicht nicht gar so viel in den Wald gehen können wie in den letzen Jahren, obwohl ich nicht weiß, ob der Zehnjährige sich langweilen und alles ganz uncool finden wird – andere Kinder aus seiner Klasse fahren nach Teneriffa, Amerika oder Hamburg – freue ich mich, dass wir nochmal, zum vierten Mal inzwischen, dahin zurückkehren, wo wir ein kleines Stückchen Urlaubsheimat gefunden haben.

Ich möchte unter meiner Lieblingsbirke sitzen, auch wenn ich dabei sieben Pullover und eine Regenjacke tragen muss. Ich möchte ein Pfännchen mit den letzten Marönchen braten; ich möchte jeden Morgen im großen, lauten Speisesaal ein Schokolade-Marmelade-Brötchen essen und mit meiner zweiten Tasse Kaffee sitzen bleiben, bis alle außer mir und der Besuchsfreundin gegangen sind und wir es ganz ruhig haben; ich möchte abends im Finsteren frierend vom Kickern zurückkommen und die Herbstkälte unter der Dusche im klitzekleinen Bad aus meinen Knochen spülen; ich möchte mit meiner neuen Sternenkarte spätabends auf der Wiese am See stehen und mit den Jungs nach Sternbildern suchen, die wir noch nicht kennen. Es ist schön, mit so viel Vorfreude an einen so vertrauten Ort zu reisen!

Und ich würde gerne eine ganze Woche nicht nörgeln, nicht meckern, nicht drängeln, nicht an meine Arbeit denken, kein Auto hören und keinen Handyempfang haben.
Zumindest das letzte hat in den letzten Jahren auch immer ganz gut geklappt.

Und nach unserem ersten Urlaub im Wald habe ich mit dem Bloggen angefangen. Das war – WordPress hat nicht vergessen, mir zu gratulieren – vor drei Jahren. Durchgehalten, juhu!

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2 Gedanken zu „Ich packe meinen Koffer…

  1. Christine

    Herzlichen Glückwunsch zum baldigen Bloggerjubiläum. Deine Beiträge haben mir damals gut geholfen und sind jetzt immer ein guter Grund um mal wieder aus unserem eigenen Chaos mit Wechselkind und eigenem Kindern innezuhalten.
    Ich wünsche Dir auf jeden Fall einen schönen Urlaub.

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  2. tangoargentina

    Denke dieser Tage ganz doll an Euch im Walde und an Heinrich Seidels Gedicht – nun ja, etwas vorfristig: „… keiner (Monat) so verdrießlich sein, und so ohne Sonnenschein… und wie naß er alles macht, ja, es ist die wahre Pracht … und die Scheiben, wie sie rinnen, und die Wolken, wie sie spinnen ihren feuchten Himmelstau, ur und ewig, trüb und grau…“ Hoffentlich ists etwas besser als hier im Süden…

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