All das geschieht

Genau an dem Tag, an dem die Attentate in Paris stattfinden, habe ich dem Vater meiner Kinder zögernd erlaubt, den Zehnjährigen zum ersten Mal nicht nur allein zu seiner Therapiestunde fahren, sondern auch allein zurückkommen lassen, durch diesen finsteren Herbstabend und mit Umsteigen an einem der ganz hektischen, meistens gedrängt vollen Bahnkreuze in Berlin.

Erschrecken, Trauer, hilfloser Zorn. Egoistische Ängste, um mich und meine Kinder: Wird Berlin von so etwas verschont bleiben? Oder müssen wir zukünftig unser Urvertrauen in diese herrliche Sicherheit aufgeben, mit der wir uns in unseren Städten bewegen? Plötzlich wird mir klar, wie kostbar das ist: einfach rausgehen können, überallhin in der Stadt, fast überall und fast jederzeit angstfrei; meinen Kindern einen zunehmend größeren Freiraum in Berlin lassen zu können.


 

Ansonsten: auf eine Woche ohne meine Kinder (in der ich arbeite; mich mit der feministischen Kritik am Konzept der Selbstfürsorge beschäftige, endlich mal wieder in die Sauna komme, dem Sechsjährigen einen Schrank mit Türen und viele, viele Deckelkisten für sein Spielzeug bestelle, zum Kurzfilmfestival „Interfilm“ gehe, endlich das hochkomplexe Lochstrickmuster bezwinge und darüber so stolz bin, als hätte ich den Stein von Rosette entziffert und in der ich einen ganzen herrlich erholsamen Sonntag lang einfach nur allein in der Wohnung herumbröddele) folgt eine Woche mit meinen Kindern, der Sechsjährige, erfahre ich am Montagmittag von seinem Vater, ist mit Angina krankgeschrieben – also eine Woche zu Hause.

Und das mit dem Zuhausebleiben-Müssen-Dürfen finde ich eigentlich richtig gut. Wann verbringe ich schon mal so viel Zeit mit einem meiner Kinder? Sobald es dem Sechsjährigen (dank Antibiotikum dauert das nicht lange) besser geht, verwandeln wir die Wohnung in eine chaotische Kreativwerkstatt, bemalen Geschenktütchen, falten Origamisterne (der Zehnjährige bringt sich die mehrdimensionalen einfach so nach Anleitung bei und danach mir), basteln endlich – ein jahrelang gehegter Plan – einen Einzelsocken-Adventskalender aus den schönsten Socken meiner umfangreichen Einzelsockensammlung und backen die ersten Plätzchen.

Aber das ist nur die eine Seite dieser Krankheitswoche.

Denn seit der Sechsjährige in der Lage ist, sich auch mal zwei Stunden am Stück selbst zu beschäftigen, ist das mit den Krankschreibungen im Kinderkrankenfall nicht mehr so einfach. Mein Chef findet es total ungünstig, dass ich mitten in dieser besonders arbeitsintensiven Zeit vier Tage lang zu Hause zu bleiben gedenke. Aber es gibt ja VPN… und so verbringe ich die Zeit damit, zwischen meinem Kind und unseren Kreativprojekten und meinem Rechner mit dem vollen Posteingang hin- und herzuspringen. Morgens zwei Stunden Arbeit oder ein bisschen mehr – dann eine Runde raus an die Luft. Einkaufen. Essen machen. Zwanzig Minuten schlafen, soviel Luxus muss sein. Kaffee kochen. Nochmal zwei Stunden arbeiten, bis der Zehnjährige nach Hause kommt. Auch abends gibt es dringende Arbeit, die überlasse ich größtenteils meiner Kollegin, dafür habe ich meinem Chef den Samstag versprochen. Weil das sonst schon wieder meine Kollegin – ja, die mit dem Baby – übernehmen würde. Weil das die Dinge sind, an die sich der Chef erinnert. Und weil ich im Alltag die Flexibilität gut brauchen kann, die mir die Wochenendarbeitstage geben: mal später zu kommen, mal früher zu gehen. Am Samstag gehen meine Kinder also außer der Reihe zu ihrem Vater, und ich habe den Rechner an und zu tun, wann immer eine Mail in den Posteingang ploppt; von zehn bis neunzehn Uhr, dann kommen die Kinder wieder, und dann nochmal von neun bis halb elf.

Seltsam, das. Durch die Arbeitswoche zu Hause gewöhne ich mich daran, zu allen möglichen Zeiten am Rechner zu sein, wann immer es eben gerade passt. Die räumliche Trennung von Arbeit und Privatleben fällt beim Homeoffice ja sowieso weg; eine zeitliche lässt sich auch kaum noch aufrechterhalten. Der lange Samstag ist zudem garnicht so schlimm, ich habe mir nichts sonst vorgenommen und komme zum Aufräumen und Wäschewaschen und Stricken, wenn grade nichts zu tun ist. Und ein gutes Gefühl macht das: Gebraucht zu werden. Ein Lob vom Chef einzuheimsen.

Es könnte ganz schnell gehen, glaube ich, diese ständige Verfügbarkeit kann man sich angewöhnen. Viele arbeiten doch so, bis spät am Abend, jeden Tag, im Urlaub, überall. Wenn ich die schicken Wohnblocks sehe, die in Berlin grade in jeder Baulücke hochgezogen werden, dann frage ich mich, ob das der Weg wäre, eine von denen zu kriegen, ganz alleine über die Jahre all die Euros dafür zu verdienen, 3.200 wollen sie pro Quadratmeter in meinem unszenigen Kiez, das weiß ich, weil ich in einem Anfall von Übermut in einen dieser Showrooms gegangen bin und gefragt habe, alle machen das schließlich grade mit dem Wohneigentum – und fassungslos kehrtgemacht habe.

Aber selbst wenn: So kann ich einfach nicht leben. Will ich nicht leben.

Meine Kinder kommen an meinem langen Arbeitssamstag total angespannt von ihrem Vater zurück. Der Tag fehlt unserer gemeinsamen Woche, ausgerechnet der, an dem keiner irgendwohin muss, an dem die Kinder machen können, worauf sie gerade Lust haben, an dem ich ein offenes Ohr habe, an dem Zeit für alles mögliche ist.

Und wann käme ich noch richtig „bei mir selbst“ an, wenn ich häufiger am Abend arbeiten würde, in den zwei Stunden, die mir gehören? An den zwei, drei Tagen in meiner Woche ohne Kinder, an denen ich mir etwas vornehmen kann? Bin ich einfach nur zu wenig „committed“, wie das im Jobsprech heißt, mit meinem Bedürfnis, Zeit für mich und die Kinder und all den Familienkram zu haben – oder war da was dran, Arbeit und Privatleben zu trennen, im Büro nicht an die Kinder denken zu müssen und zu Hause nicht an die unerledigten Aufgaben im Posteingang? Wenn ich Flexibilität einerseits praktisch finde und häufig genug brauche – wie viel bin ich dann andererseits bereit, dafür zu geben? Wenn die Chefs sich daran erinnern, dass ich schon dann und wann bereit war, außer der Reihe zu arbeiten – wie schnell werden sie es für selbstverständlich halten, wo werde ich die Grenze ziehen, was ist der richtige Kompromiss?

Gut, dass mein unzuverlässiges Smartfon mir die sms-Anfrage, die mein Chef am frühen Sonntagabend sendet, erst ein paar Stunden verspätet zustellt, als er schon aufgegeben und die Aufgabe – siehe da – selbst erledigt hat. Nein-Sagen ist nämlich ganz schön schwer.

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