Im Advent (12)

Nur langsam fühlen der Sechsjährige und ich uns besser. Ich habe einen Erkältungsinfekt beigesteuert, er ein wenig Magen-Darm – mit dem Ergebnis, dass wir beide fast eine ganze Woche lang am glücklichsten waren, wenn wir das Haus nicht verlassen mussten und uns irgendwo zwischen Inhaliertöpfen, Ölwickeln, der Zwiebackpackung, einem heißen Tee und den Erkältungstropfen langmachen konnten. Der Zehnjährige musste unterdessen eine hammerharte Schulwoche mit zwei Klassenarbeiten und einem Geschichtstest bestehen.

Aber jetzt ist Wochenende, geht es uns wieder einigermaßen, hat der Große endlich frei.

Und wir fahren einen Weihnachtsbaum kaufen. Im „Tannenparadies“ (Wenn du immer schön brav bist, sprach die große Tanne zur kleinen, wirst du nach deinem Tod ein Weihnachtsbaum…) gibt es nicht nur Tannen, sondern auch Fichten und Kiefern jeder Form und Größe. Der Parkplatz ist voll, wir schlängeln uns zwischen ausparkenden Wagen, über deren Dächer meterlange Bäume vorne und hinten herausragen, zum Eingang. Und beginnen, uns zwischen den waldartig aufgestellten Nadelbäumen umzusehen. „Das ist der Baum des Jahres – eine Korktanne“, informiert uns ein Verkäufer, als wir ein herrliches kleines Bäumchen mit hellen Nadeln und einem hübschen glatten Stamm gefunden haben. „Der sieht nicht nur schön aus, der duftet auch toll!“ Unsere Rotfichten haben auch immer gut gerochen, denke ich mir und ziehe meine Söhne weiter; zu den Kiefern (zu buschig), den Rotfichten (zu dicht), den Blautannen (zu stachelig), den Nordmanntannen (die ich nicht mag, weil sie so seltsam vertrocknen, statt zu nadeln). Es kommt, wie es kommen muss: Der Sechsjährige will die Korktanne, der Zehnjährige entdeckt immer neue wunderschöne Bäumchen und verguckt sich am Ende in eins mit beinahe hellgrauen Nadeln. Ich finde die perfekte und noch dazu preiswerte Fichte. „Das ist eine Blaukiefer“, erklärt der hilfsbereite Verkäufer und lässt damit gewisse Zweifel an seiner Kompetenz aufkommen – aber vielleicht stimmt das mit dem „blau“ ja wirklich.

Obwohl ich ein schlechtes Gewissen habe – immerhin haben die Jungs mir am Morgen geholfen, allerlei Lebensmittelvorräte für die Festtage nach Hause zu schleppen – setze ich mich durch und kaufe mein Lieblingsbäumchen. Zwischen noch mehr Familienautos mit noch mehr riesigen Weihnachtsbäumen, deren Spitzen bestimmt gekappt werden müssen, bevor irgendjemand beim Schmücken der oberen Zweige von der Leiter fallen kann, gehen wir mit unserem lächerlich kleinen, leichten Blaufichtchen zur überfüllten S-Bahn. Über ein paar Sitzreihen hinweg sehe ich eine andere Frau, die auch einen Weihnachtsbaum im Arm hat, das finde ich richtig gut. Neben ihr wippt zwischen den Köpfen der vielen Fahrgäste eine rote Spirale mit weißen Wattekugeln daran – ein minimalistisch interpretierter Weihnachtsmannhut. Heiho, nur noch fünf Tage! Der Sechsjährige strahlt.

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