Rückblick

2015 ist das Jahr, in dem ich festgestellt habe, dass ich lieber weiter an die Ostsee fahre als an die Nordsee. Wir haben den Rhein gesehen, sind bei Gewitter vom Kölner Dom geflüchtet und mit einem akut verdorbenen Magen im Kasseler Naturkundemuseum klargekommen. Wir haben in der Uckermark Pilze und Beeren gesammelt und in Dänemark Wikkingerschach gespielt. Wir sind jede Menge Bahn gefahren – und eine ganze Woche lang war ich zum ersten Mal in meinem Leben als Pilgerin zu Fuß unterwegs.

2015 ist ein Jahr des Verzagens über die Welt gewesen. Mit so vielen Kriegen, den Terroranschlägen in Paris, all den Menschen, die fliehen müssen, der Klimakatastrphe, gegen die man sovielmehr tun müsste; ein bisschen spenden ist nicht genug, nirgendwo.

2015 war das Schulanfangsjahr des Sechsjährigen; das Jahr mit dem Asthma und den Hausstaubmilben – steile Lernkurve und Rückenschmerzen vom ständigen Bodenwischen. Das Jahr mit dem steigenden Schuldruck für den Zehnjährigen und mit dem steigenden Arbeitsdruck im Büro. Ein Jahr, in dem mich das beunruhigende Gefühl begleitet hat, weniger klar zu denken, weniger intensiv zu erleben. Ein erschöpftes Rückzugsjahr, in dem ich wenig rausgehen mochte und immer wieder damit gehadert habe, zu wenig Zeit zu haben: für meine Kinder, für meine Freunde, für meine Familie, für mich, zum Schreiben, zum Kraftschöpfen, für eine Alltagsbeziehung, für meine Arbeit. (They tell you that you can have it all, schreibt Laurie Penny – sinngemäß – in „Unspeakable Things“, für mich und so viele andere Frauen: as long as „all“ is a man, kids, a career in finance, a cupboard full of shoes and a terminal exhaustion.)

Und trotzdem. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass ich mehr als dankbar sein kann – für das Privileg, jetzt und hier zu leben, in Frieden und Wohlstand (#wirhabengenug ist der Hashtag, unter dem das Magazin „Shift“ dazu anregt, darüber nachzudenken, woran wir keinen Mangel leiden); mit der Möglichkeit, mich von Kunst und Büchern anregen zu lassen. Rebecca Solnit war in diesem Jahr meine große Entdeckung – und die Briefe meiner Mutter an meinen Vater, geschrieben vor mehr als 50 Jahren, das nebenbei. Mit meinen Kindern und einem vorsichtig freundlichen Verhältnis zu ihrem Vater, seit der auch Arbeit hat. Und mit den anderen wichtigen Menschen: Der großen Schwester, die mit mir am Strand in Dänemark Mandalas legt; der ganz großen Schwester, die mir morgens simst und einfach für einen halben Tag oder einen ganzen zu uns nach Berlin kommt. Mit dem liebsten Freund, mit dem ich in wenig Zeit viel lache und rede und teile und erlebe und glücklich bin. Der Besuchsfreundin, die zu uns kommt, obwohl wir eine anstrengende Familie sind.

Ein Fazit? Kein Fazit.
Weiter durchwurschteln, wahrscheinlich. Sachen gelassen schief gehen lassen, weil das meistens garnicht so schlimm ist.
Immer mal einen Blick über den Tellerrand der eigenen Kleinkleinsorgen erhaschen wär schön – also: Kopf hoch.

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6 Gedanken zu „Rückblick

  1. frausiebensachen

    du liebe, das ist ein ganz wunderbarer rückblick, ehrlich und erschöpft und doch dankbar und optimistisch.
    ich wünsche dir ein wundertolles neues jahr mit viel gesundheit, ruhe, licht und liebe (!). go!

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    1. Greta Autor

      Liebe Susanne, auch Dir ein frohes neues Jahr, mit viel Kraft für und Erfolg bei Deiner Arbeit und Deinen Vorhaben – und mit viel Glück auch über die Arbeit hinaus. Liebe Grüße! Greta

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