Zuckerstreusel und Geschichten

Am Schönsten an Kindergeburtstagen finde ich die Vorabende.

Alle sind in festlicher Stimmung. Wir backen die traditionellen Becherküchlein – der gerade-noch-Sechsjährige macht bei seinen den Teig schon selber und streut später bunte Zuckerstreusel auf die Küchlein, die ich mit Zuckerguss überziehe; der gerade-noch-Zehnjährige macht schon alles von Anfang bis Ende selber, und ich gebe neidlos zu, dass seine Küchlein hübscher sind als die, die ich mit seinem kleinen Bruder gemacht habe.

Beim Abendessen erzählen wir Geschichten. Auf dem Tisch steht ein Osterglockenstrauß, genausoeinen habe ich heute vor elf Jahren auch gekauft, sage ich, und dann am Nachmittag habe ich die Lichterkette, die inzwischen über unserer Küchentür hängt, in meinem großen Zimmer angebracht, und als ich auf der Leiter stand, habe ich gemerkt, dass mein Baby bald geboren wird, und das warst du! Ich erzähle davon, dass ich in der Schwangerschaft – in beiden – kein Brot essen mochte (ich erinnere mich, ja, ruft der Zehnjährige, als der Siebenjährige in deinem Bauch war, hast du morgens immer so Hirsebrei gegessen, so weißes Zeugs!), und dass ich mir damals vor elf Jahren, abends nach der Arbeit, in der alten Wohnung noch, immer Gemüse gekocht habe. Wie schlimm ich das Essen in den zwei Wochen Spanienurlaub fand, die ich mit dem Vater der Kinder vor der Geburt des gerade-noch-Zehnjährigen gemacht habe, und von dem legendären Einkauf beim Spätlidl am Insbrucker Platz hinterher, wie ich zu Hause schon beim Auspacken die Packungen von Körnerbrötchen und Schinkenwürfeln aufgerissen und beides in mich hineingestopft habe, weil mir nach diesem Urlaub alles, alles wieder schmeckte.

Ich erzähle vom Umzug, zwei Monate vor der Geburt des Großen, vom Möbelaufbauen und Möbellackieren, vom Wäscheständer voller winziger Strampler und Socken. Von meiner Freude. Von der Sonne, die um sieben Uhr morgens vom blauen Himmel leuchtete, als mein Sohn neugeboren auf meinem Bauch lag. Davon, wie schrecklich sich sein Papa beim Anziehen des Babys angestellt hat, wie die Hebamme kopfschüttelnd danebenstand und wie wir dann die Schnallen vom Kindersitz für die Heimfahrt nicht zugekriegt haben… Wir Anfängereltern.

Auch für den gerade-noch-Sechsjährigen gibt es Geschichten. Am Abend vor deiner Geburt, erzähle ich, war ich mit Freundinnen beim Inder essen, mit meinem dicken, dicken Bauch, der kaum noch zwischen Stuhl und Tisch passte. Und dann wolltest du unbedingt noch in derselben Nacht geboren werden, weil du bestimmt die indischen Gewürze nicht mochtest. Ja, so war das, nickt mein Kind, das bis heute nichts kräftigeres als den Geschmack von weißem Streichkäse mag.

Der grade-noch-Zehnjährige weiß noch genau, wo später sein Schutzgitter stand, in dem er bauen konnte, ohne dass sein kleiner Bruder – damals im Krabbelalter – ihm alles kaputtmachen konnte. Er flitzt in sein Zimmer und zeigt uns die Stelle. Und nachts, sagt er zu seinem kleinen Bruder, heute noch empört, hast du geschnarcht! Der an-diesem-Vorabend-schon-Siebenjährige kichert.

Später, wenn die Kinder im Bett sind, decke ich den Frühstückstisch mit den Bürgeltellern und den Namenstassen, stelle Blumen hin und die Taufkerzen, von denen jeder meiner Söhne zwei hat. In meinem kleinen Schlafzimmer hole ich die Kisten vom Schrank, in denen die Geschenke versteckt sind, wickle sie in die Stoffbeutel, die wir nun schon lange zum Einpacken benutzen, schleiche ins Zimmer des schlafenden Geburtstagskindes und baue den Geburtstagstisch auf.

Ich gehe im Kopf die Zutaten fürs Wunschfrühstück am nächsten Morgen durch, treffe letzte Absprachen für die Feier, erinnere mich.

Auch den frühen Geburtstagsmorgen liebe ich, ja doch: tappende Kinderfüße, viel zu früh; eine dicke Geburtstagsumarmung, die Freude über das erste Geschenk und vielleicht noch das zweite –

Das alles ist schöner als das Chaos, in dem das Geschenkeauspacken unweigerlich endet. Schöner als der unsägliche Lärm im Indoorspielplatz, wo der Siebenjährige mit seinen Freunden tobt; sogar schöner als der Hochseilgarten, in dem nicht nur der Elfjährige behände mit seinen Freunden nach oben turnt, sondern auch ich Freude an der Herausforderung habe, aber angespannt bin, soooo angespannt, weil doch heute alles, alles schön werden soll.
Schöner als die Hektik eines Geburtstages zu Hause, an dem das Essen zur richtigen Zeit auf dem Tisch stehen soll, das Geburtstagkind wegen irgendeiner Enttäuschung getröstet werden muss, nie genug Zeit für alle Spiele und alle Freunde und alle liebevoll geschriebenen Geburtstagskarten ist; der viel zu schnell vorbeigeht und niemals so ganz hält, was der Vorabend verspricht, an dem wir zusammensitzen und Geschichten erzählen… und uns erinnern.

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