Wir lernen, wir lernen

Während Elfjährige lernt, wie man einen Kurzvortrag macht und sehr bald lernen wird, ob es eher cool oder eher uncool bei den Vorpubis in seiner Klasse ankommt, den Musik-Kurzvortrag (ja genau, den, für den ich ihm zu Weihnachten schon – zähneknirschend – eine CD von Crow geschenkt habe und zum Geburtstag – frohlockend – eine von Muse) über Dota Kehr zu halten und ein Hörbeispiel mit eher erwachsenem Witz zu wählen –

Und während ich mich an meinen alten Vorsatz erinnere, irgendwann mal flüssig Italienisch lesen lernen zu wollen und in der S-Bahn stirnrunzelnd, aber entschlossen die Nase in einen dtv-zweisprachig-Band stecke, den 15 Jahre in meinem Bücherregal weder sprachlich leichter noch inhaltlich spannender gemacht haben –

Währenddessen lernt der Siebenjährige lesen und soll das jeden Tag zu Hause zehn Minuten lang laut üben, woraufhin er jeweils eine Unterschrift bekommt und für fünf Unterschriften in der Schule eine Perle auf seine Leseraupe aufgefädelt wird und… eine vollgefädelte Leseraupe zu weiteren Belohnungen führt.
Also, führen könnte, wenn wir jemals sooo weit kommen.

Erstlesebücher sind nämlich oft schrecklich langweilig, vor allem die, denen man es anmerkt, dass da nicht etwa eine kleine, feine Geschichte in größerer Schrift gedruckt worden ist, sondern dass ein Format für Erstleser mit strengen Vorgaben an Satzlänge, Wortschwierigkeit und Zeichenzahl entwickelt und dann mit einer Auftragsschreibe wahlweise über Ritter, Monster, Buchstaben, Schule, Freundschaft, Drachen, die Feuerwehr – oder eine beliebige Kombination von drei bis sieben der genannten Motive – gefüllt wurde.

Die Fibel ist keine Alternative, die bleibt in der Schule, weil der Siebenjährige ja ein „Lernmittelfonds“-Kind ist (nie wieder…). Und das „Froschheft“, das er zum Lesenüben im Ranzen trägt, ist so abstoßend lieblos gemacht, dass ich damit keine zehn Minuten meines Nachmittages verbringen möchte.
Ich durchstöbere also als erstes die Bücherregale nach Lieblingsbüchern aus den letzten Jahren, bei denen die Schrift ausreichend groß ist. Zum Glück gibt es ein paar: Die Hasengeschichte „Schlaf gut, träum schön“ von Ingrid Uebe/Zora Davidovic mag der Siebenjährige, der seine vier Hasis noch immer heiß und innig liebt, besonders gern; mit der fangen wir an. „Augen zu, kleiner Tiger“ von Kate Banks und Georg Hallensleben lege ich noch bereit; Peter Hacks Quatschgedicht „Die Katze wäscht den Omnibus“, illustriert von Getrud Zucker, und natürlich Astrid Lindgrens „Pelle zieht aus“ und „Nils Karlsson Däumling“, die es irgendwie ins Erstleseformat geschafft haben.

Wir kuscheln uns also am Nachmittag gemeinsam in den Sessel, gucken – wegen der zehn Minuten – auf die Uhr, und ich stippe meinen Finger unter das Wort, bei dem wir am Vortag aufgehört haben.

Erstaunlicherweise ist der Buchstabe „e“ die größte Hürde für den Siebenjährigen. Sind es tatsächlich mehr als zwei verschiedene Laute, die sich hinter diesem kleinen unscheinbaren Kringel verbergen können („ie“ und „ei“ hat er verstanden, die zählen also nicht mit), oder kommt das nur meinem kleinen Sohn so vor?

Wort für Wort, Satz für Satz, eine Seite ungefähr in zehn Minuten; ich lobe ein bisschen und sage Halt, das Wort nochmal, das heißt anders! –
Und ich freue mich an den Fortschritten des Siebenjährigen und wundere mich, dass ich mich an diese Leselernphase des Elfjährigen kein bisschen erinnern kann. War ich damals so abgelenkt, so mit dem damals zweijährigen kleinen Bruder beschäftigt, so sehr dabei, mich im Getrenntleben und im Wechselmodell einzurichten? Oder hat der Elfjährige damals wirklich immer nur Schreiben geübt? Ich bin sicher, dass ich mehr als eine Einkaufsliste aufgehoben habe, die er mir damals verfasst hat, lautschriftliche Wiedergaben der Namen von allerlei Lebensmitteln in krummen Druckbuchstaben – ausschließlich für mich zu entziffern.
Hach, die Zeit dieser wunderschönen Schriftstücke kommt jetzt auch bald wieder.

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2 Gedanken zu „Wir lernen, wir lernen

  1. wildgans

    Kannst ja mal beim Größeren nachfragen, wie das Lesen lernen für ihn so war – und ob er dir als Experte ein paar Tipps geben kann?
    Meine Kinder mochten immer so sehr die Bücher, bei denen es so Lücken gab, in denen nicht das Wort stand, sondern eine kleine Zeichnung stattdesssen war…Viele von denen konnten sie bald auswendig.
    Weiter Euch alles Gute, es hat noch jede und jeder geschafft 🙂

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    1. Greta Autor

      Das Hasenbuch, mit dem der Siebenjährige übt, ist genau so eins mit Bildern im Text! Ja, das ist schön. Der Elfjährige behauptet, er hätte damals „einfach angefangen und ein Buch gelesen“. Und am Samstag wurde ich davon wach, dass der Große mit dem Kleinen Lesen übte. Schön! Liebe Grüße!

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