Liebesdinge

Der liebste Freund stellt seine Bilder aus, und weil ich Kinderwoche habe und deshalb nicht am Abend hingehen kann, lädt er mich und die Jungs ein, am Nachmittag vorbeizukommen und beim Hängen der Ausstellung zu helfen.

Den größten Teil hat er – wohlweislich – schon fertig gemacht, bevor wir drei ankommen und der stille Galerieraum sich schlagartig mit der Energie zweier äußerst lebhafter, quirliger und darüber hinaus leicht unausgeschlafen-überdrehter Jungs füllt. Geduldig beantwortet der liebste Freund die Fragen des Elfjährigen. Der Siebenjährige darf mit dem Zollstock die Höhe und die Breite der Bilder an der Wand und die Abstände zwischen ihnen ausmessen. Dann hat der liebste Freund sich Suchaufgaben ausgedacht: Auf welchem Bild gibt es ein Brandenburger Tor? Welches Bild kennt ihr schon (weil es eigentlich bei mir zu Hause im kleinen Schlafzimmer hängt)? Auf welchem Bild hat jemand grüne Ohrenschützer auf? – Das ist alles schnell gefunden; ich gehe unterdessen staunend durch den Raum, ich kenne viele Bilder noch nicht, ich mag die Art, in der der liebste Freund malt – leuchtend, und nicht die Oberfläche der Dinge, sondern ihre Seele – so gerne. Zwei Lorbeerblätter aus der Gewürzdose habe ich ihm mitgebracht, wenn schon keinen Kranz –

Dann darf der Elfjährige selber ein Bild aufhängen; in dem schlichten Ausstellungsraum der Weddinger Künstlerkolonie ist das unkompliziert, es werden einfach Nägel in die Wand geschlagen. Eifrig hantiert mein großer Sohn mit Zollstock, Wasserwaage, Hammer und Nägeln. Dann darf der Siebenjährige mit meiner Unterstützung auch ein Bild aufhängen – genauso eifrig, unendlich stolz, schon groß genug zu sein, um helfen zu dürfen.

Unterdessen hat der liebste Freund aufgeräumt. Als die Jungs anfangen, Schwertkämpfe mit dem Zollstock auszufechten und imaginäre Monster durch den Raum zu jagen, gibt es versteckte Überraschungseier zu suchen. Dann ist alles vorbereitet, wir schließen die Tür ab und finden ein Bäckereicafé, in dem der liebste Freund noch eine Runde Schokocroissants, Zuckergusstaler und Kaffee ausgibt und ein Ich-sehe-was-was-Du-nicht-siehst-Spiel beginnt, als der Siebenjährige auf die Bank zu turnen beginnt. Er bringt uns bis zum Bus – und wir fahren wieder nach Hause.

Und ich bin glücklich.

Nein, unsere Beziehung wird auf keinen gemeinsamen Alltag hinauslaufen. Wir werden weiter Tage – und manchmal Wochen – zählen, bis wir einander wiedersehen; weiter gelegentlich lange von sehnsüchtigen Worten leben; uns weiter gerne ohne meine Kinder sehen, das Gegenteil von Alltag aus der Zeit machen, die wir miteinander verbringen, eine Insel, ein Fest, ein selbstgesponnenes Paralelluniversum, in dem wir spazierengehen, während die Stunden davonwirbeln.

Aber wir wagen es inzwischen, uns auch auf ein wenig Alltäglichkeit einzulassen, dann und wann. Auch wenn der liebste Freund dadurch miterlebt, dass meine Söhne laut und überdreht und anstrengend sein können; den Ton kennenlernt, in dem ich sie anfahre, weil ich angespannt bin und alles richtig machen möchte, damit es nur ja schön wird; auch wenn er dann miterlebt, wie wenig von mir übrig ist, wenn die beiden irgendwann schlafen, und wie groß meine Angst davor ist, dass das zu wenig sein könnte –
Wir wagen und lassen uns ein und experimentieren damit, wie sich das anfühlt.

Und gerade heute fühlt es sich unendlich gut an.
Denn in der Freundlichkeit und Aufmerksamkeit, mit der der liebste Freund mit dem Siebenjährigen und dem Elfjährigen umgeht, fühle ich mich so sehr geliebt und angenommen, dass mir an diesem eisig-grauen Nieselregenfrühlingstag das Herz durch und durch sommerwarm wird.

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