Zeit

Eine der ganz großen Illusionen, die ich mir immer wieder mache, ist die Vorstellung, dass wir an einem bestimmten Punkt in der Zukunft – nächste Woche, am Samstag, in den Osterferien – gaaaanz, ganz viel Zeit haben werden.

Dann fangen die Ferien an, und es stellt sich heraus, dass ein halber Teilzeitarbeitstag auch im Homeoffice immernoch mindestens drei Stunden dauert und meistens länger; dass gekocht und abgewaschen und eingekauft werden muss und der Müll schon wieder überquillt und am Ende keine Kraft mehr fürs Schwimmbad übrig ist und keine Zeit für den Zoo und nur gerade noch genug für eine Runde Kartenspielen vor dem Schlafengehen.

Auf den 422 Fotos, die darauf warten, in unsere Fotoalben eingeklebt zu werden, sieht das so anders aus. Wanderungen und Ausflüge, ein Picknick im Park, eine Reise zur Besuchsfreundin, Basteleien, die die Kinder stolz in die Kamera zeigen. Hatte ich vor ein, zwei Jahren noch so viel mehr Unternehmungslust? Oder steckt in meinem Kopf ein Schalter, den ich irgendwann umgelegt habe; der meine Zeitwahrnehmung verändert hat, so dass ich gewohnheitsmäßig immer schon Tage und Wochen im voraus verplane, doppelt am liebsten, so dass ich mich immer gehetzt fühle?

Die ganz große Schwester hatte vor, uns am Karfreitag zu besuchen, muss aber ganz kurzfristig arbeitsbedingt absagen. Plötzlich liegen anderthalb Tage vor uns, die wir anders gestalten müssen, als ich es mir vorgestellt habe – und da versuche ich ganz bewusst, den Schalter im Kopf zu finden und zurückzuschalten.

Ich lasse das Mittagsgeschirr auf dem Tisch stehen und verlocke meine Söhne dazu, Inliner und Rollschuhe vorzukramen und raus in die Sonne zu gehen. Ich ignoriere das Chaos aus Knieschützern, Fahrradhelmen, Schals und Jacken, das hinterher im Flur herrscht, und gehe auf den Wunsch des Siebenjährigen ein, jetzt noch unbedingt seine Lieblingsplätzchen zu backen. Ich lasse den Elfjährigen eine Osterkerze gestalten, weil er das gern machen mag, und kriege es hin, daraus kein Pflichtprogramm für uns alle zu machen.
Am nächsten Tag gelingt es mir, rechtzeitig – und noch ziemlich freundlich – zu sagen, dass ich erschöpft bin und mal eine halbe Stunde allein sein möchte. Und hinterher habe ich wieder genug Elan, um eine Sellerieknolle, einen verbogenen Löffel, Schaschlikstäbe, ein wenig Bienenwachs, ein Teelicht, Stecknadeln und die ausgepusteten Eier hervorzusuchen und den Jungs die alte Batik-Technik zu zeigen, die ich von meiner großen Schwester gelernt habe; und ich schimpfe gar nicht so sehr über die auf dem Küchentisch verkleckerten Ostereierfarben und lasse am Abend einfach alles auf dem Tisch stehen und denke auch noch nicht über den nächsten Tag nach, sondern gehe Schreiben – und das fühlt sich gut an.

Es wird bei uns unordentlicher als sonst sein an diesem Ostern; vielleicht gibt es kein festliches Essen und wir sitzen nicht zu jeder Mahlzeit gemeinsam am Tisch; dass ein Teller mit Broten irgendwo steht, reicht vielleicht aus, wenn wir dafür noch etwas Schönes zu Ende machen können.
Meine innere Anspannung hatte sich tief, tief eingegraben. Ich bin froh, dass es mir gelingt, sie wenigstens ein bisschen abzuschütteln und das Gefühl für „hierundjetzt“ wiederzufinden; bin froh über die freien Tage mit meinen Kindern.

Bald werden Erwerbsarbeit und Schule uns wieder ihren Takt vorgeben, und dann werde ich ans nächste Wochenende denken oder an die nächsten Ferien und mir einbilden, dass wir dann Zeit haben werden, unendlich viel Zeit, für den Zoo und das Schwimmbad, den Kletterpark und die Wanderung und diese und jene Freunde und alles, was wir uns schon sooo lange wünschen; und werde wunderschöne, viel zu große Pläne schmieden und mich immer wieder daran erinnern müssen, das Planen auch mal sein zu lassen und stattdessen tief, tief zu atmen –  weil wir dann… wirklich Zeit haben.

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3 Gedanken zu „Zeit

  1. frausiebensachen

    deine beschreibung vom tag „nach dem umschalten“ klingt ganz wunderbar. so soll es sein, das leben, nicht wahr? einfach mal stehen lassen und was schönes entspanntes tun, und danach ist wie von zauberhand wieder kraft zum aufräumen da.

    (und ich frage mich sehr, welche rolle die sellerieknolle bei den batikeiern spielt?)

    (( und da beim eintrag „liebesdinge“ kein kommentieren möglich ist, mal ich dir hier mal ein dickes freudiges warmes herz hin: <<<333 ))

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    1. Greta Autor

      Danke für das Herz! Diese Sellerieknolle eignete sich prima, um als Ständer für den verbogenen Löffel zu dienen, in dem wir über einem Teelicht das Bienenwachs zum Batiken geschmolzen haben. Das wird auf die Eier getupft, und dann werden die gefärbt, dann wieder getupft und dann wieder gefärbt usw. – und wenn man am Ende das Wachs abreibt, bleiben viele Tupfen in den helleren Farben auf dem dann dunkelvioletten oder braunen Ei. Ich habe diese Technik als „Batiken“ kennengelernt, obwohl das bei Stoff ja was ganz anderes bedeutet. Und gegen die Anspannung muss ich immer wieder bewusst angehen. Ist so. Klappt ja manchmal… Ein lieber Gruß von Greta!

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      1. frausiebensachen

        aaahh, danke der erklärung! ich dachte schon, der sellerie gäb eine besondere färbung oder so, und ich liiiiebe ja pflanzenfärberei… löffelstützer, auch schön.
        bei stoffen ist batiken doch so ziemlich das gleiche: wachsen und färben.
        ich wünsch dir einen schönen sonntag!

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