Ostern

Zwischen dem Ende des Magen-Fieber-Husten-Infektes, den der Elfjährige von seiner Patenreise nach Prag mitgebracht hat, und dem Ausbruch desselben Infektes bei seinem kleinen Bruder ist gerade genug Zeit, um dem liebsten Freund beim Hängen seiner Ausstellung zu helfen und um am Ostersonntag im Stadtteilpark mit der Patentante des Elfjährigen Ostereier zu verstecken. Und zu suchen.

Bei uns läuft das immer ganz demokratisch ab: Nacheinander darf jeder von uns ungefähr ein Viertel der Schokoeier und Schokohäschen und (meine Lieblingssorte!) Blätterkrokanteier verstecken, die ich in meinem großen Beutel habe.

Als erstes ist der Elfjährige dran, der Siebenjährige und die Patentante des Elfjährigen und ich warten gespannt auf dem Hauptweg, auf dem grimmig blickende Einzelmänner in windschnittiger Sportkleidung auf Rennrädern und Familien auf Picknickfahrt rechts und links an uns vorbeisausen und -radeln und Hundebesitzer Mühe haben, ihre überwiegend nicht angeleinten Lieblinge voneinander zu trennen.

Aufgeregt winkt der Elfjährige uns zu sich, und wir fangen an, zwischen altem Laub vom Vorjahr, in Mauerritzen, zwischen Baumwurzeln und inmitten von Frühblühern und immergrünen Bodendeckern nach den süßen Schätzen zu suchen. Leider ist das Gebiet, in dem der Elfjährige versteckt hat, ziemlich groß – irgendwie kommt mir das, was wir finden, weniger vor als das, was ich ihm vorhin zum Verstecken gegeben habe.

Dann ist die Patentante des Elfjährigen an der Reihe. In ihrem Versteck-Gebiet gibt es eine Menge zu entdecken: bunte Flaschendeckel, ein alter, rostiger Fahrradgepäckträger, Raketenspitzen vom letzten Silverster und jede Menge Schneckenhäuser, so schön rund, dass wir sie immer wieder für Ostereier halten. Auch hier ist es schwierig, alles wiederzufinden – bei den kleinen Schokohasen ist es nicht so schlimm, wenn wir die Population im Park ein bisschen erhöhen; es ist nicht die ganz leckere Sorte Schokolade. Aber Blätterkrokant, sagt die Patentante des Elfjährigen, überlebt in freier Wildbahn nicht so gut. Und ich stimme ihr traurig zu.

Dann darf ich verstecken, das mache ich am liebsten auf Griff- oder Augenhöhe in den Büschen, wo erstmal niemand suchen wird; zwei junge Mädchen, die auf einer Bank sitzen, gucken mir kichernd zu. Der Siebenjährige hat dann auch wieder seinen ganz eigenen Stil, er vergräbt etliche Schokoeier in den Maulwurfshügeln entlang des Abhanges, der bei Schnee immer unsere Rodelpiste ist. Eins der Eier kullert beim Finden direkt in ein dem Maulwurf nachbarschaftliches Mauseloch.

Wir gehen mit unseren gesammelten Schätzen den Abhang wieder hoch – neben uns liegt die glatte Erdbahn, auf der im Winter die Schlitten rasen – und dann liegt die Idee so greifbar in der Luft, dass keiner von uns wiederstehen kann. Jeder greift sich ein kleines Schokoladen-Ei in einer andern leuchtenden Farbe (bei uns darf nicht mit Essen gespirlt werden, aber… diese hier waren ja sowieso schon in der Erde) und wir spielen ein paar vergnügliche Runden Schokoladeneierumdiewetteweitkullern. Die beste Technik hat der Elfjährige, das ist eindeutig. Aber froh sind wir alle, weil wir zum ersten Mal ohne Schals und Mützen in der lauen Luft unterwegs sind, weil die Kinder den Hang rauf und runter flitzen und knappe Abstände ausmessen und Sieger ausrufen und die Eier wieder einsammeln, weil wir abwechselnd „noch eine Runde“ und „Revanche!“ und „du hast gemogelt, das war geworfen“ rufen – weil das einer der Momente ist, in denen alles stimmt.

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