Tagebuchbloggen Anfang April

Was machst Du eigentlich den ganzen Tag? – So fragt Frau Brüllen heute wieder. Nachdem diese schöne Aktion im März auf ein Wochenende fiel, ist nun wieder ein ganz normaler Ferien-zu-Ende-Dienstag dran. Und der war so:

5.30 Die Amsel weckt mich – das mag ich. Weil der Siebenjährige mich überredet hat, ihn mir mir zusammen auf der großen Matratze im Zimmer des Elfjährigen schlafen zu lassen, liegt er jetzt neben mir, deshalb klingelt mein Wecker ein paar Minuten später nur ganz leise, irgendwo unter der Decke in der Nähe meiner Knie. Ich schäle mich aus meinem Deckenberg, klettere über den Siebenjährigen und stehe auf.

6.30 Im Bad gewesen, angezogen, Brotdosen für die Schule geschmiert, Frühstück gemacht, Kaffee gekocht. Der Elfjährige ist heute morgen noch bei seinem Papa, dafür ist die Besuchsfreundin da, die gestern einen Arzttermin in Berlin hatte und heute ein großes Secondhand-Kaufhaus unsicher machen möchte.

6.35 Ich kuschele mich zum Siebenjähigen und mache ihn vorsichtig wach. Um ihn zum  Aufstehen zu motivieren, habe ich ein verlockendes Angebot: Wollen wir mal gucken, ob unsere Tomaten über Nacht gewachsen sind? – Sind sie, drei Pflänzchen jetzt schon mit stolzen sieben Millimetern Höhe. Der Majojan keimt auch und der Basilikum und die Sonnenblumen – das macht mich ganz hibbelig vor Freude. Der Siebenjährige betropft die Tomatentöpfchen liebevoll mit der Sprühflasche, damit die Erde den Tag über nicht austrocknet. Die Besuchsfreundin steht auf.

6.45 Frühstück, gemeinsam mit der Besuchsfreundin, das ist schön –

7.30 Der Siebenjährige ist angezogen und hat sein Kortisonmedikament inhaliert, wir haben unsere Zähne geputzt – Aufbruch zur Schule. Die Besuchsfreundin räumt die Küche auf und hat dann noch etwas Zeit, sie weiß, wohin der Besucherschlüssel getan werden muss.

7.45 Schule. Vor der Klassenzimmertür treffe ich diese nette Mutter, mit der ich mich so gerne anfreunden würde, wir schlendern gemeinsam zur Kaufhalle und tauschen Ferienerlebnisse aus – ich warte mit ihr, bis die Kaufhalle um acht Uhr aufmacht und gehe dann zur S-Bahn weiter.

8.10 Steige in die S-Bahn. Lese ein paar Absätze in einem Aufsatz von Martha Nussbaum, steige um, schreibe in der Wartezeit zwei oder drei sms.

8.30 Eine Kollegin verrät mir, dass die Chefs heute in Meetings sitzen – also fängt der Tag erst einmal entspannt an. Wir schwatzen ein bisschen, es herrscht allgemein Einigkeit darüber, dass der Montagabend herrlich warm war. Jeder hat draußen gesessen oder draußen gegessen oder ist irgendeiner anderen Freiluftaktivität nachgegangen.

8.45 bis 15.00 Uhr Büroarbeit. Eine Kollegin lädt zu einem Stück Geburtstagskuchen; ein paar bevorstehende Büro-Umzüge werden organisiert, Mails sind zu beantworten, eine Telefonkonferenz findet statt, in der Kantine werden Geschichten aus der Nachmittagsexistenz der Büromütter ausgetauscht. Nach dem Mittagsessen nimmt der Druck zu, alles mögliche muss fertiggemacht, verschickt, beantwortet werden.

15.07 S-Bahn. Erschöpft, angespannt.

16.05 Schule. Der Elfjährige schwingt sich auf sein Fahrrad, den Siebenjährigen habe ich an der Hand, unsere Jacken trage ich unter dem Arm, es ist schrecklich heiß, ich bin müde, mein veganer Schuh reibt und mein Bauch tut weh. Der Siebenjährige ist heute besonders langsam, während ich es eilig habe, damit der Elfjährige nicht so lange auf uns warten muss. Der Siebenjährige – gestern das fröhlichste Kind der Welt – wütet mich an, weil er irgendetwas nicht verstanden hat.

16.25 Wir machen auf dem Weg schnell noch einen Friseurtermin für den Elfjährigen aus, der eigentlich schon in der Papawoche dringend dran gewesen wäre. Ich überlege, mich über den Vater meiner Kinder zu ärgern, lasse es aber sein, weil der immerhin gestern neue Halbschuhe für den Elfjährigen besorgt hat, so dass ich das nicht heute machen muss.

16.40 Endlich zu Hause. Ich sinke auf einen Berg schmutziger Wäsche, der im Flur auf Heinzelmännchen wartet; der Elfjährige möchte unbedingt das schöne Wetter nutzen und noch etwas draußen unternehmen. Papas Freundin, erzählt er, kauft uns eine Tischtennisplatte für den Hinterhof! „Uns“, denke ich und fühle mich gekränkt von der Selbstverständlichkeit, mit der der Elfjährige dieses „Uns“ benutzt, das mich ausschließt; und „natürlich“, denke ich, „die muss auch nicht so viel arbeiten und hat immer viel Zeit und deshalb gut Tischtennisplattenkaufen“. Ich schlucke den Ärger herunter und schlage vor, dass der Elfjährige doch gerne das schöne Wetter nutzen und rausgehen und Blumen für sein Balkonkistenbeet kaufen könnte. Und eine Gurke fürs Abendbrot. Die Situation ist gerettet. Fünf Minuten später durchforstet der Elfjährige meine Blumensamenvorräte, und dann zeichnen meine Kinder – beide – auf Schmierblättern in Umrisse ihrer Balkonkisten optimistisch viele Blumen und Erbsenecken und Radieschenreihen ein. Ich teile an beide drei Euro Blumengeld aus. Plus Taschengeld.

17.10 In Sandalen und ohne Gepäck ist der Weg zum Blumenladen nur halb so weit, ohne drei Jacken unterm Arm ist es auch nur halb so heiß. Der Elfjährige ist allein unterwegs, ich gehe mit dem Siebenjährigen. Leider weiß der vietnamesische Blumenhändler, bei dem der Siebenjährige sich für ein ganz entzückendes Gewächs entscheidet, den Namen der Pflanze nicht. Der Elfjährige bringt einen Topf mit verschiedenfarbigen Hornveilchen nach Hause und außerdem auch so eine neumodische Blume, die ich nicht kenne.

17.50 Ich streiche Brote und schneide Gurke auf, der Elfjährige sitzt im Flur und heftet die Loseblätterausbeute des Schultages in seine Hefter ein, der Siebenjährige macht im Hintergrund Quatsch und lenkt seinen Bruder ab.

18.00 Wir sitzen auf dem Balkon in der Sonne und essen. Wir gucken zu Frau Krähe hoch, die in ihrem Nest zappelt und bewundern die keimenden Radieschen und Asia-Salate, die ich vor ein paar Tagen ausgesät habe – es grünt, es grünt tatsächlich in unseren Balkonkästen! Die Welt ist voller Wunder. Der Siebenjährige steckt den Sprühkopf der Sprühflasche in die Blumengießkanne und besprüht mit großem Vergnügen alle Balkontöpfe und Balkonkästen.

18.45 Ich mache den Abwasch, der Elfjährige sitzt im Flur und heftet mehr lose Blätter ein. Nebenbei erzählt er mir von diesem und jedem, was ihn ungefähr jede Minute davon ablenkt, was er da tun soll, nämlich fertigwerden. Wir geraten ein kleines bisschen aneinander, weil ich finde, dass mitten im Flur ein ziemlich blöder Platz ist, um ein Lerntagebuch zu schreiben, aber der Elfjährige bleibt dabei, dass er das nirgendwo anders zu machen gedenkt.

19.00 Der Siebenjährige ist bettfertig und muss noch seine zehn Pflichtminuten vorlesen. Eigentlich ist er zu müde.

19.15 Ich lese meinen Söhnen noch ein paar Kapital Wolkow vor – „Die sieben unterirdischen Könige“. Der Siebenjährige will gerne wieder mit mir auf der großen Matratze schlafen, der Elfjährige natürlich sofort auch. Also holen wir die Matratze des Siebenjährigen noch dazu (ist eh besser, weil die ja im Allergieschutzbezug steckt) und bauen uns ein ganz großes Nest. Ich kündige an, dass ich flüchten werde, wenn es links oder rechts neben mir Gezappel gibt.

19.45 Der Siebenjährige schläft ein, der Elfjährige macht sein Lerntagebuch fertig. Ich telefoniere kurz mit meinem Vater.

20.05 Der Elfjährige kommt mit den Känguru-der-Mathematik-Aufgaben zu mir aufs Sofa. Der Wettbewerb war vor den Ferien, die Ergebnisse werden aber erst im Mai bekanntgegeben. Wir rechnen sicherheitshalber nochmal nach, gucken, ob wir auf dieselbe Lösung kommen. Ich bin ziemlich stolz auf meinen Sohn.

20.40 Mein großes Kind schläft jetzt auch. Koche mir einen Magentee. Lege Sachen für morgen raus. Die Känguru-Aufgaben, für die der Elfjährige eben zu müde war, muss ich mir doch noch mal schnell angucken. Ganz schön kniffelig! Wenn die Ecken A, B, C, D eines Quadrates rot, gelb oder blau angemalt werden sollen, so dass keine nebeneinanderliegenden Ecken die gleiche Farbe haben, wie viele Möglichkeiten gibt es dann? Solche Fragen lasse ich ungern unbeantwortet.

21.25 So. Jetzt Mails gucken – und dann bloggen. Wäsche, Steuererklärung, Geburtstagskarte für eine liebe Freundin in der Schweiz – das geht heute alles nicht mehr.
Bitte einmal Kraft nachfüllen…

Advertisements

4 Gedanken zu „Tagebuchbloggen Anfang April

    1. Greta Autor

      Liebe Jongleurin, über Deinen Kommentar habe ich in den letzten Tagen häufig nachgedacht. Oft ist es bei uns garnicht so idyllisch, auch wenn ich versuche, die Zeit mit den Kindern schön zu gestalten. Weil es ja immer „zu wenig“ ist…
      Ich habe mich gefragt, ob ich die schönen Seiten unseres Lebens auf dem Blog zur Zeit mehr in den Vordergrund rücke (wahrscheinlich) und warum ich das mache (Um mir selbst zu bestätigen, dass unser Leben – auch – so ist? Um das Schöne festzuhalten, damit die Kinder es später mal lesen können? Und ist das dann noch „ehrlich“?) – Aber dass mit dem im Reinen sein passt schon, doch, zur Zeit ist das so. Und ohne Deinen Kommentar wäre es mir vielleicht garnicht aufgefallen…
      Aber ich glaube, jede bastelt irgendwie ein Bild von sich, wenn sie blogt, oder? Jede Geschichte lässt sich auf mehrere Arten erzählen. Bei Dir denke ich immer, dass Du in Deinem Beruf superkompetent bist und in allen Lebensbereichen äußerst organisiert… das beeindruckt mich ganz schön…
      Ein lieber Gruß aus Berlin!

      Gefällt mir

      Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s