Auf gepacktem Koffer

Die Woche ist – wie die meisten kinderlosen grad – arbeitsam.
Im Büro wird es immer sehr schnell fünf, länger mag ich nicht mit Teilzeitgehalt, das muss Ausnahme bleiben. Die Telefonkonferenzendichte steigt weiter, die Bürokollegin, mit der ich inzwischen so gerne zusammensitze, ist krank; wenn sie wiederkommt, muss sie umziehen, das ist schade. Ihre Lebendigkeit wird mir fehlen, wenn da gegenüber demnächst ein schweigsamer Mann sitzt, mit dem über Kindererzieung, Liebesdinge, Gottunddiewelt und den täglichen Alltagsfrust nicht gut reden ist.

Nach der Arbeit muss dies und das besorgt werden; Kleidung für den Elfjährigen und ein Geschenk, dass er seinem Vater zu seinem Geburtstag geben kann; auch ein Geschenk für einen Kindergeburtstag (einen IKEA-Gutschein wünscht der Knabe sich, nun gut, also passendes blaues Papier her und ein gelbes Bändchen, und ein kleines Spiel, damit es nicht zu schnöde wird). Das Chaos der letzten Kinderwoche muss beseitigt, die nächste schon mal bedacht werden; wenigstens den Wocheneneinkauf will ich schon machen, das erste von vielen Frühlings-Reisewochenenden steht vor der Tür.

Bei alledem habe ich ein großes Bedürfnis nach Stille. Mache die Bürotür zu und sperre das Gelächter nebenan aus; wende in der S-Bahn den Kopf ab und starre aus dem Fenster, die Leute riechen diese Woche alle so schlecht, nach Schweiß und Bier, Knoblauch und Verdauung, und sie sind viel zu laut. Es ist schön, abends endlich an meiner S-Bahn-Station auszusteigen. Hier ist es viel stiller. Ein Auto entfernt sich, die S-Bahn fährt ab. Schritte auf dem Bürgersteig, jemand hustet aus einem geöffneten Fenster, ein Vogel singt.

Weil der liebste Freund mit erzählt hat, dass die Erde ins Trudeln gerät, wenn die Polkappen abschmelzen, träume ich in der Nacht von einem starken Erdbeben, das mich in einem Urlaub – Jugendherberge mit DDR-Einrichtung – überfällt. Der ganze Berg steht hinterher schief, zu steil, um noch hinaufzusteigen. Ich räume brav den umherliegenden Müll weg und wache erst dann auf.

Und am Wochenende fahren wir ans Meer, der liebste Freund und ich.
Da war ich noch nie im Frühling.
Da waren wir noch nie gemeinsam.

Ich melde mich von meinem Freitag-Nachmittags-Call ab, stecke die dicken Wintersachen ein und den Badeanzug und ein Buch und Schokolade, bitte die Erde, noch nicht an diesem Wochenende ins Trudeln zu kommen, gebe dem Elfjährigen Order, die frisch pikierten Tomatenpflänzchen zu gießen, bade ausgiebig, fülle den Kühlschrank mit Vorräten und kaufe eine Fahrkarte für die Verbindung mit – ach – gefühlten dreizehn Umstiegen. Bis ans Meer.

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2 Gedanken zu „Auf gepacktem Koffer

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