Urlaub, doppelt konzentriert

Für das Ostseewochenende mit dem liebsten Freund schleiche ich mich am Freitagnachmittag zwei Stunden früher aus dem Büro weg. Dort türmen sich Mehrarbeit, Chaos und Überforderung zu Druck und Überstunden auf, das lässt garnicht mehr nach.

Im Zug bin ich mit dem Kopf noch in Berlin, obwohl draußen schon Felder mit Milchkaffeekühen vorbeiziehen; die Häkelwolle verheddert sich, rechts und links nur Regen.
An der See kann ich den Alltag hinter mir lassen.
Unsere Ferienwohnung erweist sich als Glücksgriff – und am Samstagmorgen ist der Himmel ganz blau. Als der Rezeptionist des großen Hotels, das als einziges schon Strandkörbe draußen hat, uns wegschickt, weil die für die Hotelgäste reserviert sind, lässt eine übermütige kleine Glückssträne uns unter den Hotelstrandkörben einen entdecken, bei dem ein freundlicher Rebell die drei Schrauben gelöst hat, mit denen der Blechstreifen befestigt war, an dem das Schloss hängt, mit dem das Holzgitter vor dem Strandkorb fixiert wird. Werden sollte.

Es macht doppelt Freude, in diesem Strandkorb zu sitzen, den Wind im Rücken, die Sonne im Gesicht, der Tauchglocke zuzusehen, die in mediativer Langsamkeit neben der Seebrücke unter- und wieder auftaucht. Die interessantesten Stellen aus Yuval Hararis „Kurze Geschichte der Menschheit“ lese ich dem liebsten Freund vor, der mich tröstet und Gegenargumente weiß, als Harari konstatiert, dass nach der Steinzeit eigentlich alles nur schlechter geworden ist.

Für die Therme ist das Wetter viel zu schön. Aber es wird zu unserem Ritual, an der großen Glasfront der Schwimmhalle entlangzulaufen, wann immer wir auf dem Weg zur Ferienwohnung oder zum Strand sind, den Schwimmern einen Moment zuzuschauen und uns über das sprachlich großartig danebengegangene „All inclusive ligth plus“ Angebot des Hotels zu freuen, das auf einem großen Plakat an dem Zaun angepriesen wird, der das Außenbecken ein wenig – aber nicht ganz – vor neugierigen Blicken schützt.

Beim Fischbrötchenessen sitzen wir in der Sonne. Beim Spazierengehen ziehe ich die Schuhe aus, als ob Sommer wäre; am Abend gibt es Mondschein am Strand und den großen Wagen mitten am Sternenhimmel und am Sonntagmorgen Brötchen aus der Bäckerei, in der die Einheimischen anstehen.

Ein ganzer Urlaub in zwei Tagen.

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7 Gedanken zu „Urlaub, doppelt konzentriert

  1. lieblingsblau

    Zinnowitz, oder?! Wir waren dort auch schon, in der Casa Familia. Schön, dass du die Zeit so sehr genießen und auskosten konntest. Wir sind auch, wann immer es geht, am Meer, allerdings auf dem Darss. Jeder hat so seinen Lieblingsostseefleck. 😃 Liebe Grüße!

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    1. Greta Autor

      Liebe Jela, ja: Zinnowitz! Wir haben ganz nah bei der Casa Familia gewohnt und ich habe mir da Prospekte eingesteckt, weil ich die Idee hatte, mit den Kindern in den Winterferien da mal einzukehren und die Tage in der Schwimmhalle zu verbringen (und ein bisschen natürlich am Meer). Kannst Du das weiterempfehlen? Lieblingsostseeflecke habe ich mehrere. Die steinige Küste von Rerik gehört unbedingt dazu. Und Zingst mag ich auch sehr. Liebe Grüße!

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  2. frausiebensachen

    ach, das liest sich so schön!
    das meer sorgt immer für ganz besonderer auszeiten, finde ich, und der erholungswert ist so groß. liegt vielleicht an wind und wasser, die alle lasten wegpusten und -spülen?
    (mein lieblingsostseeort ist ganz weit westlich, im klützer winkel der strand bei brook. *hach*)

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