Kinderrettungsstelle

Der Taxifahrer wünscht uns viel Glück. Die Türen öffnen sich automatisch. Unsere Chipkarte wird eingelesen, nach der Gültigkeit der Telefonnummer gefragt. Dann sitzen wir im Warteraum, der ist noch ganz leer. Wir wissen aus Erfahrung, wann man hier die besten Chancen hat, weniger lange zu warten.

Als der Elfjährige ein Baby war, hatte er ein untrügliches Gespür für Feiertage. Ostern, Pfingsten, Weihnachten – kein Fest ohne ein rätselhaftes, nicht in den Griff zu bekommendes Fieber, eine schwere Bronchitis, Scharlach oder Yersinien. Später kam die Phase der Kopfstürze, vor allem des Siebenjährigen: vom Sofa auf die Dielen, beim Spielen auf den Metallhaken vom Kranauto. Es ist also nicht nur unsere Telefonnummer, sondern auch ein größeres Kapitel unserer Familiengeschichte im System vermerkt; eigentlich erwarte ich fast, als Stammkundin begrüßt und mit einem kleinen Willkommenssekt überrascht zu werden. –

Im Warteraum dieselben dunkelblau bezogenen Bänke; das Spielhaus wurde zwischenzeitlich abgeschafft, zusammen mit allem anderen Spielzeug. Der Elfjährige, dessen außer Kontrolle geratene – natürlich am Brückentag! – Nagelbettvereiterung  sich unter einem popeligen kleinen Heftpflaster am Daumen versteckt, greift sich den ersten der drei Comicbände, die er mir in die Tasche gesteckt hat. Heute nützt uns die frühe Ankunftszeit nichts. Wir warten. Um uns füllt sich der Raum – ein weinendes kleines Mädchen, dessen Mama dringend Geld für den Kaffeeautomaten wechseln möchte; eine Kopftuchmutter mit zwei kleinen Jungs; eine Großfamilie, eine Kleinfamilie, ein Baby, noch eine Familie, noch eine und noch eine. Die ersten werden aufgerufen, wir warten. Nach der ersten Stunde kriegt der Elfjährige das eine von den beiden Knoppers, die ich schnell noch in meine Tasche geworfen habe, und seinen zweiten Comic. Wir warten weiter. Ich stelle mir vor, wie es im Zeitraffer aussehen würde, dass um uns herum all die Familien, die schlimmere Krankheiten mitbringen als wir und deshalb schneller aufgerufen werden, erscheinen und wieder verschwinden. Wir warten. Meine Haare beginnen grau zu werden, wir trinken etwas, die Welt dreht sich, Imperien wachsen, steigen zum Höhepunkt ihrer Macht auf und zerfallen wieder, neue Weltreligionen entstehen, unbekannte Kontinente werden entdeckt, wir sitzen immer noch hier. (Und ich komme in Hararis „Kleiner Geschichte der Menschheit“ eine beträchtliche Zahl an Seiten weiter, während mein Sohn den dritten Comic verschlingt…) Und wir warten.

Nach drei Stunden ins Behandlungszimmer, Handbad in Desinfektionslösung. Die Ärztin kommt und ist so freundlich und kompetent, dass ich unendlich dankbar bin – für die Arbeit, die hier in der Rettungsstelle gemacht wird, jeden Tag, rund um die Uhr, für alle, die mit ihren Wehwehchen und Notfällen und Ängsten und schrecklichen Krankheiten durch die automatische Tür kommen.
Der aberwitzig große Verband, unter dem eine aus Gipsbinden improvisierte Schiene Finger und Handgelenk des Elfjährigen stillegt, rechtfertigt am Ende locker drei Stunden Wartezeit. Mit Salben und Desinfektionslösung kommen wir übers Wochenende und an der Blutvergiftung dann wohl doch vorbei. Gerettet. Mal wieder.

Advertisements

2 Gedanken zu „Kinderrettungsstelle

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s