Sommersommer

Es ist Gewitterzeit; die schwülwarme Luft macht die Gerüche der Großstadt schwer und durchdringend; Hundehaufen und gemähtes Gras, Gullies, fremde schwitzende Männer in der S-Bahn.

Es ist Hollunderzeit, ein zweiter Topf mit in Wasser angesetzten Blütendolden steht im Kühlschrank und soll zu Gelee und etwas mehr Sirup verarbeitet werden; meine Beine prickeln noch, wo ich beim Pflücken der großen weißen Dolden in die Brennesseln geraten bin; da, wo die Kinder nicht hinkamen, der Siebenjährige und seine Schulkameradin, die um die Wette (das war meine! nein ich war eben schneller! wir haben sowieso mehr!) nach den Blüten an den Ästen griffen, die wir Großem ihnen hinunterbogen.

Es ist Fußballzeit und Samstag nochdazu, der Discounter ist voller Eltern, die eigentlich dort nicht einkaufen und jetzt hilflos auf der Suche nach Saft und Käse und Brötchen herumirren, weil sie ihren Kindern – so wie ich – die Freude machen wollen, diese Bonus-Glubschies mit nach Hause zu bringen, auf die die Kinder so wild sind. (Als hätten der Siebenjährige und der Elfjährige nicht schon am Morgen ihr gespartes Taschengeld in just denselben Laden getragen und viele, viele der kleinen Sammelobjekte nach Hause gebracht).

Es ist Erdbeerzeit, nach dem Einkauf schaue ich beim Erdbeerhäuschen vorbei, ich stehe lange in der Schlange an und habe Muße, die corporatedurchdesignte fröhliche Verkäuferin zu betrachten, die nicht nur Erdbeer-T-Shirt und Erdbeerschürze, sondern auch ein mit Erdbeeren bedrucktes Tuch um den Hals und erdbeergroße Karfunkelohrringe trägt.

Es ist Balkonzeit; am Abend ist der liebste Freund zu Gast; wir holen eine große Menge Makis vom Vietnamesen und essen draußen. Hinterher zeigt der Elfjährige stolz die Knobelspiele vor, die er beim Känguru-Wettbewerb gewonnen hat; die Kinder knobeln, während es dämmert und die Spätschichtbiene ihre letzten Runden dreht und die Krähenküken im Schlafbaum rumoren. Am Morgen sitzen wir dann wieder mit den Müslischüsseln draußen, die Frühschichtbiene nimmt ihren Dienst auf; die Krähenküken drehen elegante Runden zwischen den Bäumen im Hinterhof; die Freundin des Vaters meiner Kinder geht von ihm nach Hause und ruft von unten „Hallo“, meine Kinder antworten fröhlich; allmählich erwacht hier und da Familienleben hinter geöffneten Fenstern.

Es ist Sommer.

Advertisements

2 Gedanken zu „Sommersommer

  1. wildgans

    Durchdesignte Erdbeerverkäuferinnen, Hundehaufen, durch Discounter irrende Eltern, Frühschichtbienen – ein großstädtisches Sommerbild ohnegleichen! Immer denk ich dabei an den schönen Film „Sommer vorm Balkon“ –
    lieben Gruß von Sonja

    Gefällt mir

    Antwort
    1. Greta Autor

      Den Film müsste ich mal wieder sehen! Vor einigen Jahren mochte ich ihn nicht, weiß aber nicht mehr, warum. Vielleicht hat sichs ja geändert. Ein lieber Gruß zurück aus der Großstadt! Greta

      Gefällt mir

      Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s