Kistenpack-Blues

Die Ferien neigen sich dem Ende zu.

Wegen der Arbeit, die der Vaters meiner Kinder ganz plötzlich angenommen hat, musste umorganisiert werden; Urlaubstage – meine – wurden verschoben und gestückelt, um daraus Halbtags-Homeoffice-Tage mit Kinderbetreuung zu machen; Hortverträge wurden eiligst ausgefüllt, Unterlagen beigebracht und sogar die Freundin des Vaters meiner Kinder um Hilfe für einige Tage gebeten. Chaos.

Die mühsam organisierte Hortwoche verweigerte der Elfjährige dann – und ich habe ihn nicht gezwungen, zu den – ganz überwiegend – „Ersties“ und „Zweities“ in den Hort zu gehen. Eine ganze Woche lang war mein großer Sohn also – erstmals! – selbständig unterwegs, besuchte mich auf Arbeit zum gemeinsamen Mittagessen, verabredete sich mit einem Freund zum Tischtennisspielen und mit der Mitmutter und ihrer Tochter, beschäftigte sich mit seiner Briefmarkensammlung und vergaß regelmäßig, die ihm übertragenen Haushaltspflichten zu erledigen, bevor ich nach Hause kam. Mein großes Kind wird auf ganz neue Art „groß“ – ich staune noch immer, ich muss mich daran gewöhnen und mit-wachsen.

Meine kinderlose Ferienzeit „am Stück“ war am Ende ganze elf Tage lang. 24 Punkte standen auf der Wunsch-und-To-Do-Liste. Das konnte nicht funktionieren. Aber die Vertretung der Arbeitskollegin ist reibungslos gelaufen, die Schulsachen der Kinder sind vorbereitet, die Gardinen in meiner Wohnung sind – erstmals seit 2014 – wieder gewaschen, die Briefwahlunterlagen liegen zum Abschicken bereit, die Hausverwaltung hat nach gefühlten 14 Anrufen endlich versprochen, meine kaputte Knattertherme noch vor Beginn der Heizperiode auszutauschen. Und ich bin in einem See geschwommen. Und ich habe mit dem liebsten Freund einen Ausflug ins Kochhaus gemacht und mit ihm und der Sternenkarte in der ersten nächtlichen Herbstkühle auf dem Balkon gesessen: zwischen dem großen Baum im Hinterhof und der Kante des Balkons über uns die „nördliche Krone“, der „Rinderhirte“ (Vorher nie gehört, dass es so ein Sternbild gibt!) und der „Herkules“.

Und – die Kisten für unsere Mutter-Kind-Kur stehen beinahe fertig gepackt im Wohnzimmer; mit Sachen für den Sommer, der ja doch immer nochmal auf ein, zwei Tage zurückkommt, für den frühen Herbst und für die ersten kalten Seewinde. Sportkleidung und Bücher. Spiele und weiße Eddings (diese wunderschöne Sommeridee wollen wir nachmachen!). Bademäntel und Fahrradhelme und Tischtenniskellen.

Beim Absprechen, wer wann meinen Balkon gießen kann, stellt sich heraus, dass der Vater meiner Kinder mit seiner Freundin verreist, sobald ich mit den Jungs zur Kur fahre. Es sind nur insgesamt fünf Tage und davon nur drei Arbeitstage – und warum soll er nicht auch Urlaub haben? -, aber diese drei Arbeitstage sind genausoviel wie die drei Tage, die ich von meinem Urlaub – wegen seiner Appelle: Du hattest doch versprochen, dass du mich unterstützt, wenn ich Arbeit finde! Dass wir den Sommer dann anders organisieren!  – abgeschnitten, verschoben, halbiert und auf verschiedene Wochen verteilt habe, damit unsere Kinder auch in der Hortschließzeit betreut waren. Das verletzt mich. Wie kann der Vater meiner Kinder vehement auf seinen 50% Betreuungszeit bestehen, dann aber genauso selbstverständlich seine Arbeit und seinen Urlaub ohne Kinder an erste Stelle setzen?

Ich kann die Ratschläge schon hören, die ich jetzt bekommen werde, von wegen besser für mich selber sorgen und mich besser abgrenzen…
Aber das ist nicht so einfach: Denn wer kümmert sich um Schwimmkurse und Schulmaterial, neue größere Turnschuhe für den Siebenjährigen und eine weiterführende Schule für den Elfjährigen, wenn ich mit derselben Selbstverständlichkeit wie der Vater meiner Kinder die Zeit OHNE Kinder für mich selbst, meine Erholung und meine eigenen Projekte beanspruche?

Gerne hätte ich mehr Freiräume für mich in meiner mit meinen Kindern geteilten Zeit. Gerne hätte ich, dass der Vater meiner Kinder sich mehr im Mit-Denken und Mit-Sorgen übt. Gerne würde ich meiner Lebens- und Schreib- und Übermutfreude wieder mehr Raum und Zeit geben. Nur wie?

Ich stecke diese Fragen mit in meine Kurkisten. Am Ende sind sie so schwer, dass ich sie noch nicht mal alleine die Treppe runterkriege, geschweige denn zur Post. Aber hej, auch wenn er es nicht angeboten hat und auch nicht gerne tut, sich bitten lässt und ein wenig mauzt: der Vater meiner Kinder hat ein Auto da gleich nebenan stehen und zum Tragen auch genug Kraft.

Und in ein paar Tagen reisen wir den Kisten hinterher. Ich werde mich ans Meer setzen und drei Wochen lang nicht arbeiten und nicht einkaufen; nicht kochen und nicht putzen, nichts organisieren und nicht über den Tag hinaus planen.
Das wird nicht alle Fragen beantworten und auch nicht so viel verändern. Aber es ist absolut großartig, diese drei Wochen vor mir zu haben.

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11 Gedanken zu „Kistenpack-Blues

    1. Greta Autor

      Liebe Susanne, ein sehr sonniger Gruß zurück! „Erschöpft“ und „zufrieden“ wechseln bei mir diesen Sommer wie das Wetter. Jetzt ist große Kur-Freude angesagt. Dir wünsche ich schöne Spätsommerwochen! Ganz liebe Grüße von Greta

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  1. Mitleserin

    Ich wünsche euch dreien und besonders dir eine wunderschöne Kur-Zeit, deren Erholungs-, Entschleunigungs- und „sich-selbst-was-Gutes-tun“-Effekt noch lange danach anhält!
    (Und dem Vater deiner Kinder würde ich gerne sonstwas an den Hals wünschen, aber das tut man ja nicht…)
    LG!

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    1. Greta Autor

      Liebe Mitleserin, danke für das Verständnis… Aber meistens bin ich auch ganz gut im Rationalisieren und nichts-böses-wünschen. Weil unterm Strich ja doch vieles bei uns gut klappt. Bin schon ganz hibbelig vor Kur-Vorfreude! Das wird guttun und anhalten; vor einigen Jahren schon so erlebt. Liebe Grüße! Greta

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  2. Helma Ziggenheimer

    Liebe Greta, diese Erfahrung habe ich leider auch machen müssen: Solange die Kinder jünger waren und bei mir wohnten, war auch nur ich für alles zuständig. War allein für alles verantwortlich, musste alles allein entscheiden und schauen, dass es ihnen gut ging. Der Vater entzog sich gerne mehr und mehr dieser Verantwortung, auch weil er wohl nach der Trennung entdeckte, dass es – insbesondere mit der neuen Freundin – auch „cool“ war, Zeit nur für sich selbst zu haben. Er hatte doch Schichtdienst und ich würde doch wohl verstehen, dass er an dem einzigen freien Wochenende im Monat nicht noch seine Kinder haben wollte!
    Bis er mir dann mal beim Bummeln durch die City über den Weg lief, ganz entspannt mit der Freundin am Arm und selber bummelnd – an einem Wochenende, wo er doch eigentlich Dienst hatte…
    Doch, da darf man sich schon mal grämen – Abgrenzung hin oder her.
    Auch wenn es noch so wenig bringt bzw. gar nix außer Ärgerfalten.
    Wir drei, die Jungs und ich, haben dann irgendwann einfach ohne ihn geplant – aber das ging natürlich auch erst so richtig, nachdem sie etwas älter waren.
    Jetzt wünsche ich Dir erst mal von Herzen eine entspannte Kur und dass Ihr Euch es gut gehen lassen könnt!

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    1. Greta Autor

      Liebe Helma, danke für das Verständnis, es ist immer gut zu hören, dass man mit manchen Gefühlen nicht allein ist… – Mich strengt der Widerspruch an: Dass der Vater meiner Kinder sehr vehement darauf besteht, dass die Jungs 50% der Zeit bei ihm verbringen, dann aber doch mehr als 50% der „Sorge“ bei mir lässt. Aber wenn ich ehrlich mit mir selber bin: Ganz alleinerziehend (so wie Du es erlebt hast / erlebst?) wäre furchtbar anstrengend. Ich bewundere jede Frau, die das schafft und ALLES allein stemmt. Ein lieber Gruß und danke für die Kur-Wünsche!

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  3. jongleurin

    Ja, so was nervt, wenn man offiziell ein 50-50-Modell hat, aber inoffiziell mindestens 60% wegen der ganzen Orga-Sachen umsetzen muss. Besonders schön finde ich es, wenn mein Ex sich dann auch noch als „alleinerziehend“ tituliert.
    Ansonsten: schöne Kur wünsche ich! Das klingt doch alles nach guter Vorfreude.

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    1. Greta Autor

      Ja genau. Manchmal nervt das ganz schön. Wahrscheinlich bezeichnet der Vater meiner Kinder sich auch als alleinerziehend. Ich mach das jedenfalls auch… Wahrscheinlich halten wir das beide für gerechtfertigt, weil wir so unterschiedlich erziehen und mit unseren Schwerpunkten dann ganz schön alleine sind. Ach, Wechselmodell geht nicht ohne Rumpeln und Reiben. Und bei uns immernoch verhältnismäßig gut. (Wie im Grunde auch bei Euch – so lese ich Deine Texte…) – Herzlichen Dank für die Kurwünsche, die Vorfreude ist groß!

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