Das Balkongartentagebuch: Überwintern

Nach unserem Waldhäuschenurlaub habe ich meinen Balkon eine ganze, lange, kalte Woche lang kein einziges Mal betreten – aber der sonnige und noch dazu kinderfreie letzte Oktobersonntag ist perfekt, um nach dem Rechten zu schauen und die herbstliche Wüstenei ein bisschen ansehnlicher und winterfest zu machen.

Majoran und Schnittlauch kommen auf die Fensterbank, wo es mit etwas Glück frostfrei bleiben wird. Die Zitronenmelisse – an der mein Herz hängt, weil ich sie im Frühjahr selbst aus Samen gezogen habe – habe ich schon vor einiger Zeit ins Kistenbeet des Elfjährigen umgepflanzt, wo sie jetzt traurig die Blätter hängenlässt. Dringend müssen die Lilien auf mehrere Töpfe verteilt werden. Vorsichtig grabe ich rund um die Reste der Stängel und hole die Nester größerer und kleinerer leuchtend weißer Zwiebeln ans Licht. Zwei Töpfe reichen garnicht aus, um sie alle mit ausreichend Platz wieder einzupflanzen. Aber habe ich die Zwiebeln damals nicht einfach ohne Erde gekauft? Ein bisschen Recherche hilft, und die übrigen Lilienknollen dürfen nun erstmal im kühlen Zimmer antrocknen und dann ohne Topf überwintern, zusammen mit den Gladiolen und der Knolle der Dahlie, mit deren Überwinterung – beide vertragen keinen Frost – ich auch erst Erfahrungen sammeln muss, weil ich sie erst seit diesem Jahr habe. Die Gladiolenzwiebeln sehen alle fünf gut aus; die Dahlienknolle auch, sie ist übers Jahr im Kistenbeet des Siebenjährigen ganz erstaunlich gewachsen und hat jede Menge neue, dicke, pralle Anhängselknollen bekommen.

Stehenbleiben darf die Kapuzinerkresse, die noch blüht; die einzelne Ringelblume, die noch eine dicke Knospe hat; die Tomatenpflanzen mit den Mini-Früchten, von denen sogar in den letzten beiden, kalten, regnerischen Wochen noch einige orange und wohlschmeckend geworden sind.

Andere Pflanzen haben ihre Lebenszeit hinter sich. Der große Ringelblumentopf und die mehltaubestäubte Petersilie kommen weg; andere Rückschnitte – die trockenen Blütenstängel des Majorans und Basilikums, Bohnenblätter und Lilienstiele – schneide ich klein und verwende sie als Schutzabdeckung gegen Frost auf denjenigen Töpfen, die auf dem Balkon bleiben sollen.
Erde von gesunden Pflanzen sammle ich in einer dieser großen IKEA-Taschen, um sie wie schon in den letzten Jahren aufzuheben und im Frühjahr mit Humus angereichert weiterzuverwenden. Staunend bemerke ich, dass in einigen Töpfen und Kästen Regenwürmer überlebt haben, die im Frühjahr offenbar mit dem Wurmhumus in die Erde gelangt sind. Die Erde in diesen Töpfen ist ganz locker geblieben, das hat sicher auch den Pflanzen gutgetan. Ob die Würmer auch irgendwie über den Winter kommen werden? Sollte ich die Erde nochmal mit Kaffeesatz, Radieschenabschnitten und Pflanzenresten anreichern – oder werden sie sich von den Wurzeln ernähren, die in der alten Erde sowieso noch drin sind? Noch mehr Neuland.

Am Nachmittag habe ich es geschafft, trage eine – nur eine! – Tüte Abfälle zum Müll und einen Pelargonienkasten in den Keller, schiebe die Tasche mit der Erde und den hoffentlich glücklichen Regenwürmern unter die Bank, mache mir einen Kaffee und genieße die Wärme, bis die Sonne hinter dem Schornstein vom Haus gegenüber verschwindet. An meinem Balkonspalier trägt eine unerschrockene Winde noch eine letzte Knospe – noch EIN Sonnentag und sie blüht! – und zwei von meiner Balkonaktion sichtlich verwirrte Wespen summen um mich herum und prägen sich die neuen Standorte der verbliebenen Pflanzen ein. Das Krähennest in der Linde im Nachbarhof ist wieder gut zu erkennen, dann und wann schaut einer der großen grauen Vögel – die ich trotz ihres schlechten Rufes mag – im Hinterhofrevier mit den Schlafbäumen und den interessanten Mülltonnen und dem Sitzplatz auf dem Geländer am großen Schornstein nach dem Rechten. Der Wind zupft derweil geduldig an den goldenen Blättern des großen Ahorns, und ich sehe zu, wie sie – jedes zu seiner Zeit – zu Boden trudeln.

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