Vielleicht so

Nein, wir waren nicht in der Nähe vom Breitscheidplatz, niemand von meinen Freunden und Bekannten, keine Arbeitskollegen. Von dem schrecklichen Ereignis auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche erfahre ich von meiner großen Schwester, die mich mit Kloß im Hals anruft und fragt, ob es uns gutgeht. Dann die Informationen im Internet. Eine Kurfreundin aus München schickt ein großes erleichtertes Whatsapp-Herz, als ich ihr schreibe, dass wir wohlauf sind. Und dafür bin ich ihr dankbar.

Traurig, bedrückt, schlaflos verbringe ich die Nacht; am Morgen erzähle ich dem Elfjährigen, was geschehen ist. Er geht an diesem Tag zum Schnupperunterricht in eine weiterführende Schule und ich schärfe ihm ein, mich auch ja auf dem Rückweg von der S-Bahn aus anzurufen; ich möchte mein Kind an diesem Morgen nicht loslassen, ich möchte – so sehr! – die Gewissheit haben, dass ihm kein Leid geschieht –

Im Büro macht der Personalchef persönlich die Runde auf den Fluren und schaut, ob alle Mitarbeiter da sind. Für die Kollegen in anderen Ländern schreibt er im Intranet einen kurzen Text, in dem das Entsetzen und die Traurigkeit spürbar sind, die wir alle an diesem Morgen fühlen.

Spätestens am Abend kommt zu den bedrückenden Gedanken an die Menschen, für die jetzt nichts mehr so sein wird wie vorher, weil sie jemanden verloren haben oder selber zum Opfer des Anschlages geworden sind, die Beklemmung angesichts der Mediendebatten hinzu. „Verschärfen“, „Abschieben“, „Sicherheit“, „Schuld“ – und das ist ja erst der Anfang.

„Ich bin fest entschlossen, furchtlos zu bleiben“, schreibt mir die Patentante des Elfjährigen, und erzählt mir beim gemeinsamen Mittagessen vom Plätzchenbacken mit den Flüchtlingskindern in der Willkommensklasse, in der sie unterrichtet; und von der großen Vorfreude der Kinder auf den Weihnachtsmann, der am letzten Tag vor den Ferien zu ihnen in den Unterricht kommen soll.

Furchtlos bleiben – es wenigstens versuchen – und den Kindern beibringen, nicht zu hassen. Ja. So können wir vielleicht weitermachen. An der Gedächtniskirche Lichter anzünden. Und Weihnachten nach diesem Anschlag und nach diesem verstörenden Jahr als ein Fest feiern, bei dem es um die Hoffnung auf kleine Lichter im großen Dunkel geht.

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2 Gedanken zu „Vielleicht so

  1. bisschendazwischen

    die chance in einem autounfall zu sterben oder überfahren zu werden oder mit dem flugzeug abzustürzen ist wesentlich höher, als bei einem attentat umzukommen. gedenken wir den menschen, die gestorben sind. egal auf welchem fleck dieser erde. ich habe für eine gewisse zeit für ein unternehmen gearbeitet, was geschosse herstellt. ich hatte echt probleme damit. weil ich das gefühl hatte die kriege zu unterstützen. auch wenn ich nicht in der herstellung dabei war. bin jetzt froh, dass das ein ende hat auch,obwohl es meine exitenz gefährdet. religionskriege hat es immer gegeben, und da ist auch die politik machtlos. veränderung ist vorprogrammiert. und die ist nicht wirklich positiv. trotzdem wünsche ich dir einen ruhigen abend. lg zucker

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  2. lieblingsblau

    Ich habe auch gehofft, hier bald von dir zu lesen… Viele Freunde in Berlin und die große Tochter. Alle wohlauf. Welch Glück. Deine Worte berühren wieder sehr. Wir erklären den Kleinen, leben Mut und Mitgefühl und Liebe vor. Nur keinen Hass! Aber ringsherum ist es schwer auszuhalten. Auf FB liken einem bekannte Menschen Dinge, die man von ihnen nicht gedacht hätte. Traurig. Euch ein friedliches Fest. Viel Sonne und Lachen. Trotzdem. Und gerade jetzt.

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