Stille Tage

Den ersten Weihnachtstag verbringe ich vorwiegend auf meinem Sofa. Die Kopfschmerzen verziehen sich, der Weihnachtsbaum duftet, ich habe einen Tee/Kaffee/Teller mit Plätzchen/Teller mit Broten neben mir stehen. Die überfälligen Karten und Briefe, aus denen nun statt Weihnachts- schon Jahresend-Grüße werden müssen, bleiben liegen, aber ich möchte – heute, einmal – kein schlechtes Gewissen deswegen haben. Die Besuchsfreundin ruft mich an, während zwei Gänsebeine im Ofen fertigbrutzeln und zwei Kartöffelchen im Topf garen. Meine ganz große Schwester meldet sich am Abend und hat Zeit zum Erzählen.

Kurz vor dem nächsten Mittag kommen meine Jungs vom Papa zurück. Endlich! Wir packen gemeinsam die Weihnachtspäckchen aus, die noch unter der Blautanne Josefine stehen, und entscheiden, dass die neuen Bumerang-Flieger von der großen Schwester gleich ausprobiert werden sollen. Allerdings peitschen uns Regen und Wind heftig um die Ohren, als wir den Berg im nahegelegenen Park besteigen, so dass wir aufgeben und stattdessen zur großen Videothek fahren, um ein paar Filme auszuleihen. Nachdem ich also die Details der neuen Feuerwehr-Wache bewundert, das neue Weihnachts-Spiel ausprobiert, Brote geschmiert und meinen Söhnen froh beim Reversi-Spielen zugesehen habe (froh jedenfalls in dem einen Moment, nachdem der erste Streit geschlichtet war und bevor das Brett im Zorn so sehr angeschubst wurde, dass nicht weitergespielt werden konnte), endet auch dieser Tag auf dem Sofa.

Am Dienstag müssen wir – wie alle Leute – einkaufen. Der Elfjährige nimmt mir den Weg in die eine Richtung ab, ich gehe in die andere. Später kommt der liebste Freund vorbei und baut mit den Jungs ein einfaches Murmelbahn-Modell aus der 600-Teile-Kiste, die er den beiden zu Weihnachten geschenkt hat. Für den großen Parcours mit Motor, Aufzug und langer Abfahrt bräuchten wir mehr Zeit, das kriegen wir heute nicht mehr hin. Abends gucken die Großen noch einen ganz schön schlechten Film.

Wer einkauft, muss auch kochen – Mittwoch ist Großkampfvormittag in der Küche, ein Hühnchen steckt im Kochtopf, Gouda schmilzt im Wasserbad und der Elfjährige koordiniert die Schnippel-Arbeiten des liebsten Freundes und des Siebenjährigen für die Cremefüllung der Käsepastete. Am Mittag ist die Hühnersuppe fertig, die Pastete gerollt und der Lieblings-Kräuterquark des Siebenjährigen angerührt. Ich falle für ein Stündchen ins Bett, bevor die Patchworkmama mit ihrem Mann, meinem Patenmädchen und dem kleinen Patchworkbaby vor der Tür steht. Wir haben uns seit mindestens einem Jahr – gefühlt ist es noch viel länger – nicht gesehen; meine Freundin und ich schwatzen also fröhlich, während die Kinder irgendwo in der Wohnung Verstecken spielen oder mit ihren neuen Walkie-Talkies von Zimmer zu Zimmer „Hallo?“ „Hallo!“ rufen. Das Baby hat es meinen Söhnen angetan; der Siebenjährige, der so gerne ein kleines Geschwisterchen hätte, strahlt den Sechs-Monats-Winzling immer wieder an und schwärmt hinterher von den kleinen, weichen Händchen. Der Elfjährige legt sich neugierig zum Patchworkbaby, als es im Hochbett des Siebenjährigen das bunte Mobile an der Decke bewundert; und blättert am Abend mit mir durch sein Baby-Fotoalbum um nachzuprüfen, ob es wirklich dieses Foto gibt, auf dem er im Schlaf die Hände wie ein Dirigent vor sich ausstreckt.

Abends lange aufbleiben – den schlafenden Siebenjährigen schleppe ich kurz vor zehn vom Kuschelsofa in sein Bett – und morgens lange ausschlafen. Filme gucken, wenn draußen eisiger Regen fällt; Freunde sehen, spielen und lesen (die Weihnachtsbücher des Elfjährigen haben nicht lange vorgehalten), nicht viel müssen und wenig wollen. Ich mag die stillen Tage zwischen den Jahren.

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