Bitter an Dienstagen

Manchmal funktioniert das mit dem Wechselmodell gut, aber fragt mich bitte nicht an Dienstagen danach. Nicht an denen, an denen der Elfjährige – einen Tag nach dem Siebenjährigen – zu mir wechselt. Solche Wochen beginnen nämlich oft ungefähr wie diese:

Am Montag mache ich mit dem Siebenjährigen alles, was sein Papa nicht gemacht hat: Seine Schuhe erst trockenen und dann gründlich imprägnieren. Einen Tag vor der Keyboard-Stunde endlich mal üben, und zwar ordentlich. Den Ranzen aufräumen und alle losen Blätter sortieren. Schulessen für die nächsten Tage und Wochen im Internet bestellen. Den Siebenjährigen mit viel Überredungskunst Möhre, Chinakohl und Gurke zum Abendessen unterjubeln.

Am Dienstag mache ich mit dem Elfjährigen alles, was sein Papa nicht gemacht hat: Meinen Sohn dazu bringen, dass er seinen Ranzen auspackt, die losen Blätter der letzten Schulwochen (die vor Weihnachten war ja auch eine Papa-Woche) einheftet und sein „Lerntagebuch“ für die laufende Woche vorschreibt und auszufüllen beginnt. Angesammelte Tests unterschreiben. Die Elternpost durchsehen. Den Elfjährigen im Internet Schulessen für die nächsten Tage und Wochen bestellen lassen.

Das kling alles nicht so schlimm? Montags mit dem Siebenjährigen ist es auch noch ganz entspannt. Ist ja nur ein Kind, und dieses Kind kann sich gut konzentrieren. Aber noch bevor der Elfjährige am Dienstag mit seinen Schulsachen fertig ist, ist es Abend, habe ich ihn gefühlte dutzende Male ermahnt, sich nicht ablenken zu lassen und weiterzumachen – und er hat Kopfschmerzen. Schluss also für heute. Kurz bevor ich ins Bett gehen will, entdecke ich, dass seine Winterschuhe innen ganz nass sind, hole schnell Zeitungspapier und schalte die Heizung wieder ein. Die Schuhe des Siebenjährigen sind heute trocken geblieben, warum wohl?

An diesen Dienstagen habe ich es satt, einfach nur noch satt. Meine Kinder verbinden die Zeit bei mir mit Pflichterfüllung, Arbeiten für die Schule, Üben für den Musikunterricht, und spätestens dann, wenn zusätzlich zu den Pflichten einer ganz normalen Woche noch die Papawoche nachgearbeitet werden muss, mit Stress und Anspannung. Beim Papa dagegen gibt es ungefüllte Zeit, Pommes und Netflix. Und ich kann nirgendwo hingehen; es gibt keine Instanz, die mich in meinem Anliegen unterstützt, dass auch bei mir Zeit für Schönes bleiben und auch bei ihrem Vater das Notwendige getan werden soll. Hallo Jugendamt, meine Kinder kriegen bei ihrem Papa keine Vitamine und lernen nicht für die Schule? Vernachlässigung sieht ganz anders aus, das weiß ich wohl. Es geht ihnen ja gut dort. Und warme Handschuhe hat er dem Elfjährigen (auf meine Anregung hin) gestern dann mal eben besorgt.

Aber was genau lernen unsere Kinder bei alledem – zum Beispiel über die Rollen von Mann und Frau?

Schwierig, ganz schwierig.

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18 Gedanken zu „Bitter an Dienstagen

  1. Regine Franck

    O, wie ich das kenne. Und die Laune nach zuviel Weissmehl und Zucker und die Tatsache, dass der Wechsel von Vaterstadt zu Mutterstädtchen selten ohne Reibungsverluste (Handschuhe, Mützen, Therapieutensilien, Musiknoten …) und Verspätungen verläuft und der Vater sich weigert, die hinterbliebenen und notwendigen Gegenstände umgehend zu bringen – obwohl angeblich nur 9 Minuten Zugfahrt zwischen den beiden Wohnorten liegen … und die Wiedereinführung von Tischmanieren und regelmässigen Bettzeiten … und der Verzicht auf Ausflüge mit den Kindern, weil die Vaterwochenenden regelmässig überladen werden …
    Und wer ist schuld an der Vergesslichkeit? Die überstrenge Mutter. Aber eben, Vernachlässigung sieht anders aus.

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    1. Greta Autor

      Liebe Regine, Du beschreibst es so, wie es bei uns auch oft ist, wie ich es auch oft empfinde… und es ist so hart, die Rolle zu haben, zu der die Sorge, die Strenge, die Verantwortung zum größeren Teil gehören. Zum Glück gibt es bei uns auch bessere Erfahrungen (andere Wochentage, an denen die Reibung nicht so zu Tage tritt) – und kurze Wege. Viel Kraft für Dich, ein herzlicher Gruß! Greta

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  2. Susanne Haun

    Liebe Greta,
    letztendlich ist das ja auch genau der Grund, warum ihr getrennt seid. Die Erziehung der Kinder ist eines der großen Themen einer Ehe und wenn man dann nicht am selben Strang zieht, dann ist es bitter. Es tut mir leid, denn die Kinder werden dich auch ein Leben lang an ihren Vater binden.
    Wenn sie älter werden, dann wird es besser. Aber sie können auch in diesem Alter schon gut zwischen dem Leben beim Vater und bei der Mutter unterscheiden und sich darauf einstellen. Mein Sohn erinnert sich nur an dieses getrennte Familienleben und respektiert es, neulich waren wir bei C&A und beobachteten einen Streit zwischen einem älteren Ehepaar. Als mein Sohn dann meinte, dass die beiden wohl nicht wüssten, dass man sich scheiden lassen kann, fiel eine große Last von mir ab. Als ob er meine Trennung von seinem Vater legitimiert hätte. Ich weiss, wir brauchen diese Legitimation eigentlich nicht … aber schön war es trotzdem.
    In diesem Sinne einen schönen Tag von Susanne

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    1. Greta Autor

      Liebe Susanne, das ist eine gute Erfahrung, die Du da beschreibst! Ich hoffe es auch sehr, dass meine Kinder später die Art und Weise, wie wir ihnen Mutter und Vater zu sein versuchen – und die Reibungen, die es dabei immer wieder gibt – nicht vorwerfen, sondern in ähnlicher Weise, wie Du es erzählst, „legitimieren“ und nicht als allzu schwere Last in ihre Leben mitnehmen. Du hast das wohl sehr gut hinbekommen… es ist gut, zu sehen, dass Dein Sohn so viel mehr Gutes als Belastendes in sein Leben mitgenommen hat. Ein lieber Gruß! Greta

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  3. tikerscherk

    Eine undankbare Rolle hast Du da. Die Kinder fühlen sich gegängelt und erkennen (noch) nicht, dass Du aus Fürsorge handelst, und der Papa darf „der Gute“ sein, der Pommes ausgibt und Netflix bereitstellt. Ich befürchte da musst Du durch und Dich dann und wann bei Freundinnen darüber ausk*t***.
    Ich bin sicher, es kommt die Zeit der Ernte.

    Liebe Grüße!

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    1. frlkaethchen

      Ich glaube wohl, dass die Kinder das erkennen (was, meine zumindest nicht daran hindert, ausgiebig zu maulen, zu testen etc.). Aber diese Art der Fürsorge erkennen sie und im Grunde wissen sie auch, dass das Eine ohne das Andere gar nicht möglich wäre…

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      1. tikerscherk

        Als Grundgefühl nehmen sie das ganz sicher als Fürsorge wahr.
        Ich musste erst erwachsen werden, um zu verstehen, wieviel Liebe und Interesse an mir hinter all den Vorschriften steckte.

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      2. Greta Autor

        Wahrscheinlich ist das so. Trotzdem macht es mir Sorgen, was sie daraus über das Mann-Sein und das Frau-Sein lernen. Frau = Stress und Verantwortung, Fürsorge und Ordnung? Mann = alle sieben gerade sein lassen in dem Wissen, dass frau die Situation am Ende schon retten, den Termin im Kopf haben, an die wichtigen Einkäufe denken und rechtzeitig eine Mahlzeit vorbereiten wird? Gah, das hätte ich gern anders…

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    2. Greta Autor

      Danke Dir… ja, manchmal fühlt es sich einfach unendlich undankbar an. Männer (manche Männer? Jedenfalls dieser.) können das anders, sich selbst mit ihren Bedürfnissen im Auge behalten und den leidigen „Kleinkram“ der Kindererziehung ohne schlechtes Gewissen „liegenlassen“. Meistens komme ich ja damit klar. Und Freundinnen, die geduldig zuhören, gibt es auch… Ein lieber Gruß!

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    1. Greta Autor

      Die Wäsche meiner Erfahrung nach leider nicht… Nein, Spaß bei Seite, verstehe schon, was gemeint ist. Sich nie über Dinge aufzuregen, die man nicht ändern kann, ist allerdings schon eine ziemlich reife und abgeklärte Haltung…

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  4. Bitti Jurda

    liebe Greta,
    ich lese mit, …ganz unregelmässig, „mal schauen, was Greta in Berlin so macht..“, aber mit großem Vergnügen und sehr viel Anteilnahme und kann zumeist meinen Impuls zu antworten, gut unterdrücken. Heut geht das gar nicht:
    Ich lebe mit dem Mann meiner Träume seit dreissig Jahren zusammen, wir haben drei Kinder, das älteste zwanzig Jahre alt, das jüngste acht und haben uns, zu unserem finanziellen Nachteil, die Kinderbetreuung immer geteilt, nicht grad 50:50, eher so 70:30,… -wir streiten nach wie vor über diese Prozent-Zahlen!-, aber obwohl wir beide berufstätig sind und im selben Haushalt leben, schaut unser Familienalltag oft so aus, wie Du ihn beschreibst.
    An „meinen Familien-Tagen“ koche ich, meist aus den im Kühlschrank vorrätigen Resten halbwegs gesunde und zeit-intensive Mahlzeiten, in einer vollgeräumten, klebrigen Küche -und putze nebenbei den Kühlschrank, mein Mann kauft an „seinen Haushalts-Tagen“ ein, dann gibts Pommes am Sofa, Handy spielen für den -ungekämmten, langhaarigen, kleinen Sohn und keine Hausarbeit für den Großen,… die Ordnung bleibt oberflächlich, und alle haben es gemütlich, bei weitem nicht so gemütlich, wie an den Tagen, an denen ich für Haushalt und Familie zuständig bin- und fürs Kämmen! Vorlesen! Bildschirm-Verbote aussprechen!,…
    Meine großen Kinder, die sich immer wieder lautstark darüber wundern, wie ihre Eltern es miteinander aushalten und das manchmal richtig fein!, haben trotz dieser unterschiedlichen Auffassung von Familien-/ Ordnungs-Kultur gelernt, dass sich Liebe auch durch Fürsorge und Arbeit füreinander ausdrückt, dass es wichtig ist, zu den eigenen Bedürfnissen zu stehen und trotzdem die der anderen nicht aus den Augen zu verlieren. Manchmal nehm` ich mir dann eben haushaltsfrei und meine Söhne übernehmen die Wäsche. Mittlerweile räumt der große Sohn auf, bevor ich nach Haus komme und der kleine hilft mit, meine Bürotasche zu packen, bevor ich eiligst!!! aufbreche. An Handschuhe denkt der kleine Sohn mittlerweile beim Rodeln mit Papa selbst, der Rodelausflug muss nämlich sonst abgebrochen werden.
    (Zugegeben auch der Liebhaber aus längst vergangenen Tagen hat dazugelernt!)
    Das, was Du beschreibst hat vielleicht weniger mit Trennung als mit gesellschaftlichen Strukturen zu tun und die, die am meisten darunter leiden, haben oft wenig Ressourcen, ums zu ändern. Ich finde, Du machst das super, Deine Beschreibungen Eurer Tage klingen nach guten Familien-Leben und wer sagt denn, dass Mütter es auch nicht einmal so richtig satt haben können. Meine Söhne haben gelernt, auf die Zeiten zu achten, in denen es für mich zu eng wird und reagieren darauf, manchmal sogar rechtzeitig an einem Dienstag.
    Alles Liebe nach Berlin! Bitti

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    1. Greta Autor

      Liebe Bitti, danke für Deinen lieben ausführlichen Kommentar und das Erzählen von Deinem Familienleben! Dass das Verständnis von „Fürsorge“ und das Maß, in dem Mann und Frau „fürsorgen“ und sich auch abgrenzen können, auch gesellschaftlich mitbestimmt ist, sehe ich auch so. Liebe hilft natürlich, damit umzugehen, während eine Trennung den Konflikt in dem Fall eher verschärft. Damit umzugehen, ist manchmal so schwierig, weil ich das Gefühl habe, dass ich bestimmte Dinge tun muss – z.B. auf die Schulsachen der Kinder zu achten – weil die Kinder sonst darunter leiden (schlechtere Noten und so) und es sich deshalb so anfühlt, als ob ich dann garnicht die Freiheit habe, zu entscheiden, ob ich die Pflicht oder das Gehenlassen grade besser finde. Wenn ein Elternteil das entspannte Spaß-Haben für sich reklamiert, ist es für das andere schwierig, nicht in so eine Dauer-Fürsorge zu geraten. Aber vieles funktioniert ja gut bei uns. Und bei Euch – so wie sich das liest. Sehr schön, dass Deine Söhne auch Rücksicht nehmen und mithelfen!!! – das gibt es bei uns ja auch schon. Ein lieber Gruß zurück! Und ich freue mich, dass Du gern meine Texte liest! Greta

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  5. Rica

    Liebe Greta,
    so gerne lese ich seit einiger Zeit mit und fühle manches nach. Wunderschöne Sprache, berührende Gedanken.
    Die „Rollensache“ kann ich so gut verstehen und erlebe es ähnlich: Ich, die Alltagsmutter, die wecken, zur Schule, zum Zähneputzen, zum Benehmen, zum Gemüseesen – kurz zu allen Pflichten mahnen muss. Manchmal, oft – sogar zumeist völlig erschöpft, fehlt mir Zeit, Kraft und Muße für die schönen Seiten. Früher war ich froh, wenn der Papa wenigstens dies bei seinen Besuchen mit dem Kind übernommen hat. Selten auch mal Freunde, Verwandte, Omas. Auch wenn das immer bedeutete, dass ICH an Mützen denken musste, Zeiten, Essen: Spass verderben. Für alles, was schief läuft, fühle ich mich persönlich angeklagt. Das Gute fühle ich seltenst gewürdigt.
    Der Papa ist gestorben. Plötzlichst. Hat unser Leben in den Grundfesten erschüttert. Manchmal.Oft! Wünsche ich mir das „Vorher“ zurück. Das auch suboptimal war.
    Bitte keinesfalls so verstehen, als sollten Sie Ihre derzeitige Rolle dankbar annehmen. Bloß nicht! Mir hat es einfach gut getan, bei Ihnen das Rollendilemma zu lesen, mich nicht ganz alleine so zu fühlen. Und dass der Tod dazwischengefunkt hat, macht das Vorangegangene nicht ungeschehen. Wäre es besser gelaufen, hätte ich jetzt mehr Kraft und Ressourcen, das durchzustehen?
    Ich wünsche Ihnen allzeit genug Kraft. Und ganz viele sonnige Lebensmomente für Sie und Ihre Kinder alleine und zusammen.

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    1. Greta Autor

      Lieben herzlichen Dank für Ihren Kommentar! Nein, ich verstehe das nicht falsch. Und möchte es auch nicht aus den Augen verlieren, dass es etwas Gutes ist, dass meine Kinder auch ihren Vater „haben“. Es darf beides gleichzeitig sein: etwas Gutes und – manchmal, oft – auch schwierig und emotional kompliziert und mit anstrengender Rollenverteilung. Ein herzlicher Gruß – und auch Ihnen viel Kraft und Menschen, die für Sie und Ihre Kinder da sind!

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