Schneeregen, Altersfleckenentferner, Bündeschen und Geriefeseih

Januar.
Meine Kinder sind nach der Schule schon müde und erst abends vor dem Schlafengehen wieder wach. Ich sitze mit der Besuchsfreundin im Wohnzimmer, und durch die geschlossene Tür zum Zimmer des Elfjährigen hören wir ihn singen. Dass er singt, ist schön – obwohl es sich um eins der weniger poetischen Weihnachtslieder von Rolf Zuckowsky handelt.

Am Morgen sind wir immernoch alle müde, bei meinen Söhnen merke ich es daran, dass sie keinen Appetit auf Frühstück haben; bei mir daran, dass ich viel langsamer bin als sonst. Draußen ist es ungemütlich, der Weg am Kanal entlang zur Schule ist eine Schlitterpartie über vereisten Matsch, auf dem große Pfützen stehen. Angegraute Schneereste und unsere Wollmützen geben Stück für Stück ihren Widerstand gegen den Winterregen auf.

Der Elfjährige bekommt seine Gymnasialempfehlung und ist ganz aus dem Häusschen – nicht mehr lange, dann werden wir seine Anmeldung zu einer der in Frage kommenden Schulen tragen und den Auswahlspuk der letzten Monate beenden. Am Freitagnachmittag gehen meine Söhne wieder gemeinsam von der Schule nach Hause, das ist schön, das entlastet meinen Tag. Groß werden sie!

Dass auch ich eine magische Altersgrenze überschritten habe, ist unterdessen nicht unbemerkt geblieben. Irgendwer hat meine Adresse einem dieser Katalogversender verkauft, deren Models mit versteinerten Botoxgesichtern junggebliebende ältere Menschen darstellen sollen; ich blättere mit erstauntem Kopfschütteln die Seiten durch, auf denen mintfarbige Shirts mit Großblumendrucken, Polyester-Kittelschürzen, die Pantoffeln meiner Großmutter, an den BH anknöpfbare Dekolleté-Spitzeneinsätze, Hosenbunderweiterer, allerhand straffende Unterwäsche, Stifte zum Übermalen von grauem Haar, Altersflecken und Emailleschäden sowie zur Verhinderung von Damenbarthaaren, ein sonderbar geformter „Beckenbodentrainer zur äußeren Anwendung“, Konstruktionen zur nächtlichen Korrektur von Hallux-Valgus-Verformungen, Staubwedel an ausziehbaren Teleskopstangen und andere sagenhafte Nippes angepriesen werden. Irgendein Kreativgenie hat die Seite mit den Westen werbend mit „Bei Westen viel Neues“ überschrieben (ich höre förmlich, wie Remarque knirschend in seinem sandigen Grab rotiert), die Produktbeschreibungen kommen dafür eher bescheiden daher: „kann bei regelmäßiger Anwendung das Nachwachsen von Gesichtsflaum verzögern“. „Kann zur Straffung der Muskeln im Po-Bereich beitragen“, die Preise sind niedrig.

Das ist – nachdem es eine Weile grässlich und albern war – am Ende ziemlich anrührend. Die Seiten des kleinen Katalogs riechen nach schmalen Altersrenten, kleineren und größeren Zipperlein, Mühen bei alltäglichen Hausarbeiten; nach viel zu seltenen Besuchen von Kindern und Enkelkindern, nach einem Körper, der sich verformt und dem die Schönheitsmaße von Kleidung, die es bis in Läden und Schaufenster schafft, nicht mehr gerecht werden. Ich denke an meine Großmutter, die bescheiden in ihrem Häuschen auf dem kleinen Dorf lebte, und der liebste Freund (dem es am meisten die Nachthemden mit den großbebrillten Katzen angetan haben) erzählt von seiner Mutter, die gerade ihren 84. Geburtstag gefeiert hat. Nicht lange, und wir spielen Begrifferaten mit den Herkunftsdialekten unserer Eltern und Großeltern. Als der liebste Freund verrät, was ein „Bündeschen“ ist, muss ich sofort in der Umfrage zum „Atlas der Altagssprache“ nachsehen, an der ich kurz zuvor teilgenommen hatte. Aber unter den Begriffen für „kleines scharfes Gemüsemesser“ fehlt ausgerechnet diese regionale Variante. Über dem Vorlesen einer Geschichte im Thüringer Dialekt, der selbst auf den kleinen Dörfern heute kaum noch gesprochen wird, werden wir beide müde. So ist das dann wohl beim Älterwerden.

Am nächsten Morgen… siehe Absatz 2.

Draußen – während ich dies hier schreibe – rieselt es leise, der Regen hat sich wieder in Schnee verwandelt, der zögerlich auf Dachziegeln und unbetretenen Rasenflächen haften bleibt.
Januar.

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