Das eine und das andere Nah

Es ist kurz vor Silvester. Die Stimme der großen Patentochter, die laut darüber nachdenkt, ob sie trotz ihres hohen Fiebers eine geplante Urlaubsreise antreten kann, füllt meine Küche. Als sie ihre Argumente vorgetragen hat, die im Wesentlichen darauf hinauslaufen, dass es sehr, sehr schade wäre, den schönen Urlaubsplan platzen, die schöne Gelegenheit verstreichen zu lassen, antwortet ihr ihre Mutter – meine ganz große Schwester – und rät zu größter Vorsicht, weil man mit hohem Fieber dann lieber doch nicht leichtfertig umgeht.

Es könnte ein ganz normales Gespräch sein – aber die Stimme der großen Patentochter kommt via Whatsapp aus Uruguay und auch meine Schwester (immerhin ist wenigstens sie leibhaftig in meiner Küche) spricht nur eine Sprachnachricht auf.

Wenige Tage später bin ich wieder mit der ganz großen Schwester zusammen, und wir beobachten, wie der Flieger mit der großen Patentochter dem Flughafen entgegenschwebt, zur Landung ansetzt und elegant auf der Landebahn aufkommt.

Aber auch dieses Mal können wir die große Patentochter nicht in die Arme schließen, wir sitzen – mit dem begeisterten Elfährigen – vor Flightradar24 und haben eben schon das Flugzeug des ganz großen Schwagers, mit dem er nach Lateinamerika zu seiner Tochter unterwegs ist, ungefähr an der großen Ecke von Afrika entdeckt und eine Weile beim Weiterruckeln beobachtet. Die große Patentochter, die nun wieder gesund ist und einen kleinen Ersatz-Urlaub macht, bevor sie ihren Vater trifft, landet gerade in Ushuaia. Feuerland. Und wir jubeln ihr gemeinsam auf die Mailbox, dass wir sie gerade haben ankommen sehen.

„Nah“ und „fern“ sind schillernde Begriffe geworden.

Die ganz große Schwester verbringt nun zwei wunderbare, lange Wochen bei mir, während ihr Mann in Lateinamerika ist. Wir frühstücken zusammen, und während ich arbeite, läuft sie viele Stunden durch die Stadt; erkundet Parks und neue Viertel, macht den Einkauf, hängt die Wäsche ab und neue auf, räumt dem Elfjährigen (möge er ihr für immer dankbar sein!) das vorpubertäre Chaoszimmer auf, geht nochmals zwei Stunden raus, trifft Freunde und ist wieder da, wenn ich müde aus dem Büro komme.
Wir kochen zusammen; wir holen einen Film aus der Videothek oder schalten einen Krimi ein; wir lesen Gedichte vor und reden.
Am Wochenende hat meine ganz große Schwester mich Einsiedlerin so weit, dass ich an beiden Tagen mit ihr rausgehe und wir gemeinsam durch Berlin laufen; vom Schlesischen Tor zum Passage-Kino; vom Südstern durch die Bergmannstraße und die Akazien- und Golzstraße bis zum Nollendorfplatz. Ich zeige hierhin und dorthin, in diesem Café habe ich mal jemanden zum ersten Mal getroffen, dort kann man diesunddas gut kaufen; da oben wohnte derundder; dort müssten wir mal essen gehen, da ist es lecker, da drüben könnte man noch langlaufen und bis zur Jannowitzbrücke kommen –

Ich merke, dass ich wieder Spaß an meiner Stadt finde, in der ich mich in letzter Zeit fremd gefühlt habe. Ich merke – ich habe mal wieder eine Gelegenheit, zu merken – wie viel Freude es mir macht, eine Weile „zusammenzuleben“, nicht alles allein tun zu müssen, mich nicht zu verabreden und trotzdem am Abend noch ein paar Alltäglichkeiten austauschen zu können und ein gemeinsames Nippchen Wein zu trinken. Etwas in mir taut auf.

Das „echte“, analoge Nah tut wohl. Irgendwann möchte ich mal nicht mehr allein mit mir und meinen Kindern leben. Euch nahen fernen Menschen sprechen und schreiben wir dann trotzdem noch Nachrichten. Verspochen!

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2 Gedanken zu „Das eine und das andere Nah

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