Ferien, Ferien

Als ich an meinem letzten Arbeitstag vor dem Urlaub das Büro verlasse, ist der blaue Himmel der letzten Tage hinter einer Wolkendecke verschwunden und es beginnt zu regnen. In die Uckermark, aha, aha, haben die Kollegen freundlich gesagt und mir auffällig oft „gutes Wetter“ gewünscht.

Die Besuchsfreundin ist schon gestern angekommen, und als ich von meinem letzten Arbeitstag nach Hause komme, hat sie eingekauft, einen Schokoladenkuchen gebacken, den Zwölfjährigen und den Achtjährigen in Empfang genommen, abgewaschen und sich auch den Wäscheständer mit den vielen, vielen Socken vorgenommen. Ich fühle mich wie im Paradies; ich habe das nicht oft, dass mir jemand so unter die Arme greift.

Ein anderes Gefühl trage ich seit Tagen mit mir herum: Betroffenheit (was für ein hässliches Wort!), Mitgefühl, Traurigkeit. Es ist eine Geste der Hilflosigkeit, dass ich einen halben noch warmen Schokoladenkuchen bei der Bekannten vorbeibringe, deren Kind in diesem Sommer an Lymphdrüsenkrebs erkrankt ist und zwischen Chemotherapie-Durchgängen und Infekten gerade ein paar Tage zu Hause verbringt.

Beim Abendessen frage ich den Zwölfjährigen nach der Englisch-Klassenarbeit; für die und andere hat er die ganze Woche lang jeden Tag lernen müssen; wir sind alle froh, dass das fürs erste überstanden ist – auch der Achtjährige, der endlich wieder mit seinem Bruder spielen kann; auch ich, die wieder einmal einen Abend ohne Simple Past und Present Perfect Progressive verbringen darf (ja, der Bildungserfolg hängt vom Elternhaus ab, und so lange der Zwölfjährige es schätzt, mir Lernstoff von Hakenpflug über Experimentierprotokoll bis „être“ und „has been learning“ aufzusagen, höre ich ihn geduldig ab). Aber heute fülle ich stattdessen Öl und Zucker ab, sammle Vokabelhefte, den Fön, die Wärmflasche, ein Kilo Gelierzucker, die Gummistiefel und den anderen halben Kuchen ein und fülle Koffer und Rucksäcke bis zum Rand. Waldhäuschenurlaub steht bevor, zum 6. Mal, wir freuen uns auf „unser“ Haus, den angeblich reichen Pilzsegen, die Zeit mit der Besuchsfreundin.

Nach dem ersten Urlaub dieser Art habe ich damals meinen Blog angefangen – WordPress benachrichtigt mich freundlich und ich erinnere mich: ja, damals hatte Berlin noch zeitiger Ferien und wir konnten Anfang Oktober im uckermärkischen Sonnenschein unter „unseren“ Birken sitzen. Fünf Jahre ist das jetzt her.

Der Regen rauscht. Der Achtjährige und der Zwölfjährige (letzterer etwas mühsam vom Smartfon mit seinen verlockenden bunten Spielen abgeschält) schlafen; das Flugzeug, in dem der liebste Freund sitzt (dessen Herbstreisepläne ungünstig neben meine fielen), wird irgendwann in der Nacht in Berlin landen; unser Gepäck steht aufbruchsbereit; draußen fallen gelbe Lindenblätter im Licht der Straßenlampen; der Druck der letzten Wochen lässt nach. Die Welt seufzt leise auf.

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3 Gedanken zu „Ferien, Ferien

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