Não corra!

Nein, auch in diesem Jahr fahren wir vom Waldhäuschen aus weder ins Erlebnisbad noch in den Wildpark. Die Vorstellung, den Tag nach einem Bus auszurichten, der erreicht werden muss, damit der Ausflug klappt, mag ich nicht, sie widerstrebt ganz und gar meinem Urlaubsgefühl.

Ich brauche – dringend brauche ich – wir alle hier brauchen – Tage mit möglichst wenig Zeitplan; Tage, an denen ich mich auf die spontanen Kinderwünsche nach Minigolf und Tischtennis einlasse und hinterher noch ganz allein im Wald herumschlendern darf; an denen es nicht darauf ankommt, wann genau wir um den See spazieren, wie lange wir den Spaziergang zum Beerensammeln unterbrechen, wann gekocht und wann abgewaschen wird. Von selbst kommt das nicht, weil unser Alltag von zu erreichenden Bussen und Bahnen und von begrenzten Zeiten vom Frühstück bis zum Schlafengehen ganz übervoll ist: Geradezu einüben muss ich das Unverplantsein.

Der Achtjährige und der Zwölfjährige machen es mir in diesem Jahr leicht, schnappen sich den Ball oder die Tischtenniskellen und ziehen los; marschieren aus dem Wald schon mal alleine zurück, eine kleine und eine etwas größere Gestalt, eben noch furchtbar zerstritten, jetzt friedlich nebeneinander, denen ich mit langem Hals hinterherschaue, bevor ich mit der Besuchsfreundin zu dieser prima Blaubeerstelle vom letzten Jahr abbiege.

Später, vor dem Abendessen im großen Speisesaal, dürfen sich alle in ihre Lieblingsecke im Häuschen zurückziehen, die Besuchsfreundin mit ihrer Erkältung, der Zwölfjährige mit seinen Comics und ich mit Mariana Lekys zauberschönem Buch „Was wir von hier aus sehen können“. Nur der Achtjährige will sich nicht zurückziehen, sondern mit jemandem spielen, und mault deshalb ein bisschen.

Viel später, in meinem allnächtlichen Schlaflosloch, höre ich den Regen draußen rauschen und sehe gleichzeitig auf der nachtleuchtenden Sternenkarte, die auf dem Sideboard steht, die Milchstraße leuchten und schlafe irgendwann wieder ein und wache erst eine Viertelstunde vor unserer Frühstückszeit im Speisesaal wieder auf, mit diesen portugiesischen Entschleunigungswörtern im Kopf, die die ganz große Schwester manchmal sagt: não corra. Renn doch nicht.

Dann übe ich heute mal ein wenig Langsamkeit ein. Wann sonst?

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