Überwintern

Der Winter ist lang und dunkel; die Sonne hat wochen-, ja monatelang besseres zu tun als in Berlin nach dem Rechten zu schauen; die Weltlage legt sich wie ein eiserner Reif um mein Herz.

Ich überwintere mit Vitamin D, Salsa, und Kakao.

Das Vitamin D gibt mir die ganz große Schwester aus ihren Vorräten ab, hochdosiert, alle zwei Wochen ein Kügelchen. Auch der Achtjährige hat trotz seiner schrägen Ernährung seltsamerweise keinen Mangel an Eisen, nur an Vitamin D. Aus seiner Packung wird auch der Zwölfjährige mitversorgt, sicherheitshalber.

Zum Salsakurs kommen nur Frauen, die geschäftstüchtige Tanzschule nennt es „Solo Style“, aber es ist trotzdem besser, als den ganzen Winter über nur zu Hause zu sitzen. Die ehemalige Nachbarin, der ich Anfang November von meinen Tanzplänen erzähle, meldet sich kurzentschlossen auch an, das ist großartig, und weil sie die allerbeste ehemalige Nachbarin der Welt ist, fährt sie beim ersten und zweiten Mal tapfer mit mir S-Bahn und hält vom dritten Mal an mit ihrem Auto vor meiner Tür. Die Wochen werden ein bisschen heller dadurch, dass wir uns sehen und uns bewegen; sie verfliegen, jeden Montag verabschieden wir uns mit „bis morgen“ und lachen dabei.

Den Kakao trinke ich mit der Mitmutter, immermal morgens, bevor sie den Allesladen aufmacht, bummele ich eine Überstunde ab und setze mich mit ihr in das ganz kleine Cafe, das noch garnicht richtig offen hat und in dem tagsüber nur alte Leute sind. Wir klagen uns unsere Alltagssorgen und kriegen sie damit beinahe klein; wir träumen von Paris, wie wäre das wohl, ein paar Tage, mit den Kindern?

Noch lange nach dem im Internet veröffentlichten Abholtermin kauern sich die rausgeworfenen Weihnachtsbäume an der Straßenecke zusammen, als suchten sie Schutz vor dem kalten Wind. Auf dem Weg zur S-Bahn liegt jede Woche neuer Müll – ein Beutel mit Kleidung, eine Gastherme, ein paar Schuhe, kaputte Möbel aus Spanplatten, ein Staubsauger – und die bunt gekleidete Mutter, die mir morgens oft entgegenkommt, weil sie ihr Kind in die neugegründete Waldorfschule bringt, würdigt mich in all den Wochen, in denen ich beiseitetrete, um ihr und ihrer fröhlichen Tochter auf dem schmalen Fußweg Platz zu machen, nicht einmal eines Blickes.

Ich hänge Girlanden auf. Der Achtjährige feiert Geburtstag und wird zum Neunjährigen, der Zwölfjährige feiert Geburtstag und wird zum Dreizehnjährigen, beide Kinder bringen erfreulicher Halbjahreszeugnisse nach Hause, noch immer ist es trübe draußen und viel zu früh dunkel. Abwechselnd legen die Kinder Krankentage ein, der neue Kinderarzt, der die Praxis unserer guten alten Ärztin übernommen hat, die niemals eine Krankheit übersah, verschreibt gegen alles nur Schmerzmittel. Zum Glück wissen wir, dass der Neunjährige bei Bronchitis mit Salbutamol inhalieren muss, wir haben es oft genug mitgemacht, wir haben es auch noch im Medikamentenschrank.

Der Winter schert sich nicht darum, dass ich Ende Januar jedem erzähle, dass er nicht mehr kommen wird, aber mit der Kälte kommt auch die Sonne wieder und lässt die Lebensgeister erfreut blinzeln. Ich möchte sofort ein Ostseewochenende planen, meinen Flur renovieren, mir einen Tango-Tanzpartner suchen, mein Fahrrad von drei Jahren Staub befreien und zur Durchsicht bringen und den Default-Modus von „alleinsein-und-möglichst-schnell-ins-Bett-wollen“ auf „rausgehen-und-leben“ umstellen.

Erstmal melde ich mich – endlich – beim Nachbarschaftsnetzwerk an, jetzt brauche ich nur noch einen Vorwand, um die netten Leute kennenzulernen, die es bestimmt in der Nähe gibt, mit denen ich aber nie zufällig ins Gespräch kommen werde. Ich könnte mein das Glas Tahin, mit dem ich nichts anfangen kann, in der Foodsharing-Gruppe anbieten? bei Zeit und Gelegenheit nach Doppelkopfmitspielern fragen? – Es wird sich ergeben.

Und auch die Schreiblust ist noch da und regt sich.

Es gibt uns noch!

 

 

Advertisements

6 Gedanken zu „Überwintern

    1. Greta Autor

      Vielen Dank für die liebe Zurück-Begrüßung! Komm weiter gut durch die bitterkalten Tage. Bald müssen sie ja hinter uns liegen und dann wird es wieder grün und warm in Berlin… Ein lieber Gruß von Greta

      Gefällt mir

      Antwort
  1. vomaufgangdersonne

    Schön, dass Du wieder Lust zum Schreiben hast! Ich habe Deine Beiträge vermisst. Und ich freue mich auch so sehr über jeden einzelnen Sonnenstrahl und darauf, am Wochenende endlich Tomaten zu säen (und Radieschen- und Blumensamen hab ich auch gekauft, auf dass meine Terrasse bunt wird wie Dein Balkon letztes Jahr) und vom Frühling zu träumen. Liebe Grüße! Sonja

    Gefällt 1 Person

    Antwort
    1. Greta Autor

      Liebe Sonja, auch wenn es schon einige Tage her ist, dass Du hier geschrieben hast: heute habe ich Zeit, Kommentare zu beantworten (und zum Lesen). Danke für die liebe Zurück-Begrüßung! Ich mag Deinen Text über Frau Winterfeld und die Musik in Deinen Beitragstiteln! Ein lieber Gruß von Greta

      Gefällt mir

      Antwort
  2. Pingback: Woanders ist es auch schön. | READ ON MY DEAR, READ ON.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s