Kalt

In den Nächten lehnt die Kälte sich gegen die Hauswand. Ich ziehe die riesengroße Decke über meine Schulter und umarme das dicke Federbett noch fester.

Der Neunjährige, der beim Umziehen zum Schulschwimmen sowieso immer die meiste Zeit braucht, jammert über die dicke Fleecejacke und den Schal und die Mütze, die er anziehen muss. Als wir dann am Nachmittag in der Bahn zur Asthma-Spezialistin sitzen, wärmt die Sonne durch die Scheiben, so dass wir uns in unseren dicken Jacken fühlen wie Kürbisse, die in ihrer dicken Schale verfaulen.

Am Abend gehe ich mit dem liebsten Freund ins Liquidrom. Wir saugen uns voll Wärme, bis wir ins Handtuch gewickelt im Innenhof dem guten alten Ostmond zuwinken können ohne zu frieren. Hinter der Theke hängen immernoch die schwarz-grauen Bilder, die aussehen, als wären es Mikroskopaufnahmen von Schimmelkulturen, das ist sehr urban. Die jungen Männer tragen modische Bärte, die Betonwände sind grau, Klimperjazz senkt sich aus den Lautsprechern über die Wellness-Suchenden.

Die Fahrt zurück nach Hause würden wir gern auslassen. Die S-Bahn fährt wegen eines Notarzteinsatzes nicht, wie sie soll; neben uns pöbelt eine angetrunkene Frau laut gegen die öffentlichen Verkehrsbetriebe Berlins, gegen Spießer und gegen Ausländer, die sich in ihrem wirren Kopf zu einer einzigen großen Verschwörung zusammengetan haben, um sie zu ärgern und ihren Heimweg zu erschweren. Benimm dich mal, Madam, sagt ihr Begleiter immer wieder begütigend, aber sie schreit laut „nö!“ und hat garnichts dagegen, dass jeder sie hört; sie ist noch lange nicht fertig mit ihrer Wut auf die Welt.

In einem der U-Bahn-Höfe haben sich Obdachlose eingerichtet, in der Mitte, wo sie niemandem im Weg liegen; haben sich im fragwürdigen Windschutz von Pfeilern in so viele Schlafsäcke verkrochen, wie sie besitzen; neben sich Tüten mit Habseligkeiten, einen Rollator –
wir wissen es nicht, wir hoffen es, dass dieser Bahnhof nach Betriebsschluss nicht zugesperrt wird. Dass sie hierbleiben dürfen, wenn in der Notunterkunft kein Platz mehr frei war.

Die Melancholie lehnt sich an mein Herz, ein bisschen weniger kaputt könnte die Welt doch sein?, ein bisschen gerechter? Ich ziehe den liebsten Freund unter meine riesengroße Decke und umarme ihn fest.

Am nächsten Morgen gleißt die Sonne wieder und die Kälte kneift uns tief in die Wangen. Am Bahnsteig steht ein Mann mit Schneeschuhen in der Hand, großen Zackendingern aus Metall; ich wüsste gern, zu welchen Abenteuern er aufbricht.

Vor mir liegt nur die Kinderwoche. Mit tropfender Nase und verrutschendem Schal ziehe ich mühsam den Rolli mit dem Wochen-Groß-Einkauf nach Hause und stelle einen Strauß mit knallrosa leuchtenden Gerbera aufs Fensterbrett. Darf ich bitten, Frühling?

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2 Gedanken zu „Kalt

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