Der Sommer

Vorbeigerauscht ist der Sommer.

Der Neunjährige und der Dreizehnjährige haben einen kleinen, aber feinen Patchwork-Familien-Urlaub mit ihrem Vater verbracht; bei mir ist unterdessen Nichte II für die Dauer eines Praktikums eingezogen. Ohne Angst um meinen geliebten Balkon, meine kleine Stadt-Oase, sind die Kinder und ich Ende Juli nach Dänemark aufgebrochen, mit Koffern und Rucksäcken bepackt, mit Zug und Fähre wie immer.

Dänemark war sizilianisch heiß. Es gab Frühstücke auf der Terrasse des Ferienhäuschens; Schwimmen am Vormittag; Essen und Ruhen im Schatten von Erle und Lärche in den heißen Stunden, Kartenspiele am Nachmittag, Baden gegen Abend und mehr Spiele nach dem Abendessen. Reife Brombeeren kiloweise an verschiedenen Hecken. Frische Brötchen jeden Morgen. Keine Blaualgen, aber Weltuntergangsstimmung angesichts der Hitze, der Dürre, der Brände, der hungernden Tiere, der viel zu seichten Flüsse. Wir lesen Rosendorfers „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ vor, auch der war schon pessimistisch, was die Welt der Großnasen anging. Nachts laufen wir zum Strand und schauen zu den Sternen hoch, lernen den Herkules zu erkennen, das Hörnchen vom Steinbock direkt über dem tiefroten Mars; den Krug, aus dem der Wassermann einen dicken Strahl ins Meer gießt. Den Kameloparden, den man eigentlich garnicht sieht, weil er aus schwach leuchtenden Sternen besteht und nur als Sternbild definiert wurde, um die Leerstelle zwischen Fuhrmann und großem Wagen zu füllen.

Nach zwei Wochen ist unsere Urlaubszeit um. Zu Hause erwartet uns Nichte II, hat eingekauft, Pizza gebacken, Zeit. Wir schmieden Pläne, wollen auf dem Schlachtensee das Stehpaddeln ausprobieren, den Unverpackt-Laden kennenlernen, vom Klunkerkranich aus über die Stadt schauen.

Aber nach nur zwei Tagen Arbeit hebelt mich ein sommerlicher Grippevirus von den Füßen. Nichts geht mehr, wochenlang. Der Sommer rauscht seinem Ende entgegen, während ich auf dem Sofa liege, Zwiebelsaft trinke, den Kopf tief in den Inhaliertopf stecke und weder  meine Halsschmerzen noch das traurige Sommergefühl loswerde, auf einem sterbenden Planeten zu leben.
„Rekordsommer“, sagt der Radiosprecher – viel Zeit habe ich, ihm zuzuhören – mit angenehmer Stimme, und „Erderwärmung“ und „Kohleausstiegskommission“ und „Hambacher Forst“ und „Dresden“ und „Chemnitz“ und „Mutter aller Probleme“ und „Great Pacific Garbage Patch“ und „Afrikanische Schweinepest“ und wieder von vorn.

Nirgendwo ein Populist in Sicht, der verspricht, den Flug- und Autoverkehr massiv einzuschränken, die Massentierhaltung zu verbieten, den Kohle- und Atomausstieg effektiv durchzuführen, Plastikverpackungen zu verbannen. Ich wäre anfällig, so jemanden zu wählen, nach diesem Sommer mehr als je.
Bis dahin lese ich „Genug“ von John Naish und Blogs über Zero Waste und versuche, es selbst ein bisschen besser zu machen, hier und da.


Zum Lesen: Ben Lecomte schwimmt von Tokyo nach San Francisco, um auf den Müll in den Weltmeeren aufmerksam zu machen.

 

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2 Gedanken zu „Der Sommer

  1. Susanne Haun

    Danke für den Link, Gerda, schön, mal wieder von dir zu lesen. Ja, die Lage der Welt macht mir auch Angst, ich musste lächeln über deinen Wunschpopulisten. Sie / Er hätte auch bei mir Chancen, meine Stimme zu bekommen.
    Liebe Grüße aus dem Wedding von Susanne

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    1. Greta Autor

      Liebe Susanne, ein herzlicher Gruß zurück an Dich! Ja, ich komme nicht so oft zum Schreiben, wie ich gern würde. Aber ab und zu… Und ich schaue weiterhin gern auf Deinem Blog vorbei. Alles Gute für Dich und liebe Grüße, Greta

      Gefällt 1 Person

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