Das Balkongartentagebuch: Atempause mit Bienen

Kaum dass die Bienenweide die ersten Blüten geöffnet hatte, kamen die Bienen: die kleinen schwarzen mit dem orangenen Hinterteil; die kleinen schwarzen mit dem gelben Halstüchlein und dem etwas weniger leuchtenden orangenen Ende; die, die zwei gelbe Streifen haben und deren Hinterende weiß gefärbt ist; und die unauffällig braunen mit dem braun-rötlichen Westchen. Ich weiß nicht, ob es sich um vier verschiedene Arten handelt oder ob einige davon nur verschiedene Alterskohorten der gleichen Art sind, auch googeln hilft nicht wirklich weiter. Aber ich freue mich über jede einzelne, und sie sind da, von früh bist spät. Wäre es nicht schon ein Klischee, würde einem das Wort „emsig“ einfallen, wenn man sie wieder und wieder über den blauen Blütenrispen kreisen und nach etwas Nektar oder Pollen suchen sieht – in einer Blüte, die sich vielleicht in der letzten Viertelstunde geöffnet hat, die von den anderen Bienen in den letzten sieben Stunden übersehen wurde, in der sich Nektar nachgebildet hat. Begegnen sich zwei Bienen, dann sind sie voneinander mindestens irritiert, wenn nicht gar genervt, meistens stoßen sie – ob nun zufällig oder in böser Absicht – gegeneinander und fliegen dann beide ärgerlich kopfschüttelnd davon.

Meine Strategie, ein paar Bienenweidesamen in jeden Topf zu streuen, in dem ich irgendetwas gesät oder gepflanzt habe, scheint aufzugehen. Jedenfalls für die Bienen! Seit gestern blühen auch die ersten Kornblumen; und die beiden Männertreu-Töpfe sind sowieso beliebt. Als vorhin gleichzeitig vier Bienen auf dem Balkon waren – hungrig und desorientiert; vielleicht vom drückenden Wetter – war die braune innovativ und wich von den schon viel zu oft abgeflogenen Bienenweidepflanzen zu den winzigen Cosmeen und den Schneeflöckchen im Beet des Zehnjährigen aus. Nur einen halben Meter weiter gibt es die ersten zarten Tomatenblüten, aber die rühren die Bienen nicht an, wenn ich in der Nähe bin; es bleibt ein Geheimnis, ob wir ernten werden.

Mein erster Weg am Morgen führt mich in diesen Tagen auf meinen Balkon, wenn ich – seit halb fünf grübelnd und ächzend wach – gegen sechs Uhr endlich aufstehe. Komme ich von der Arbeit heim, setze ich mich für ein paar Minuten auf die Balkonbank; am Abend dann wieder. Hier lässt die Anspannung nach und die Angst, die mir Veränderungen einflößen – der vorfristige Schulwechsel des Zehnjährigen nach dem Sommer; ein väterseitiges Halbgeschwisterchen – vielleicht – für die Jungs im kommenden neuen Jahr; die seltsamen Verhaltensweisen des sich einigelnden Pubertiers; Weiterbildungen, um die ich mich kümmern muss oder will, was nicht identisch ist und deshalb doppelt Zeit und Geld kosten wird. Es hat etwas Gutes, dass unser Familiensystem ins Schwingen kommt. Aber mein Herz klopft, ich setze mich hinaus, atme. Und an Tagen, an denen ich mir für die Bewältigung meiner Lebensherausforderungen nur ein „Ungenügend“ geben möchte, tröstet mich, dass ich ein paar Bienen Nahrung gegeben habe – zwischen der Blütezeit der Kirsche hinter dem Haus und der der Linde im benachbarten Hinterhof. Und dann sprechen vielleicht auch noch die Spatzen für mich, denen mein Balkon offenbar zur ständigen Unterhaltung dient. Obwohl sie nun auch die zweite Aussaat der Melden längst aufgefressen haben (trotz Schutzgitter!), sind sie immer da, höre ich sie schon morgens draußen an den spitterigen Holzplanken picken, als wollten sie Löcher hineinhacken wie Spechte; bis nachmittags haben sie dann wieder die Bienentränke verschmutzt. Und bin ich draußen und bücke mich zu einer Pflanze, dann ignorieren die Spatzen meinen unbedrohlichen Rücken, landen hinter dem Lilientopf und fliegen lachend davon, wenn ich mich aufrichte.

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