Wir atmen ein

Coronakrise, Woche fünf der Kontaktbeschränkungen.

Tief Luft holen. Einen langen Atem werden wir brauchen in den nächsten Wochen. Nicht absehbar, wann der Elfjährige und der Fünfzehnjährige wieder zur Schule gehen können. Nicht absehbar, wann ich mal wieder ins Büro gehen kann; stattdessen werde ich technischen Support für den Elfjährigen leisten und dem Fünfzehnjährigen mit milder Kontrolle dazu bringen müssen, seine Aufgaben für die Schule auch wirklich zu erledigen. So lange mehr oder weniger alle von zu Hause arbeiten, mag das ok sein, aber wenn die kinderlosen Kollegen wieder vor Ort sind, werde ich mich ausgeschlossen fühlen.

Wie werden wir unsere Tage gestalten? Welche Rituale funktionieren, wenn jetzt nochmal drei Wochen durchzustehen sind oder fünf oder acht?
Beim Sonntagsfrühstück überlegen wir gemeinsam. Gegen acht soll es Frühstück geben und um halb neun wollen wir alle drei mit unserer Arbeit beginnen. Das passt mir gut, vielleicht klappt es dann mit der Morgengymnastik ein bisschen häufiger als bisher. Dass die Kinder sich jeden Morgen für je zwei Aufgaben im Haushalt eintragen, klappt gut; das behalten wir bei. Für die Nachmittage bestelle ich noch ein Riesenpuzzle und hole das Wikkingerschachspiel aus dem Keller. Der Elfjährige hört mit Freude zu, wenn ich abends „Total verhext“ von Terry Pratchett vorlese; der Fünfzehnjährige lässt sich zeitweise auch darauf ein. Ab neun – nehme ich mir vor – möchte ich Zeit für mich haben, auch wenn die Kinder noch aufbleiben dürfen. Am Nachmittag hätte ich gern jeden Tag eine halbe Stunde, um mich an Projekte zu setzen, die ich viel lieber aufschieben würde: das neue Handy einrichten, einen Teppich fürs Wohnzimmer bestellen, Geldsachen klären, meine Patientenverfügung ausfüllen, Fotos nachbestellen und in die Alben kleben. Zwischen dem Abklingen meiner Wintererkältung und dem Einsetzen des Heuschnupfens sollte ich auch unbedingt verschobene Vorsorgetermine nachholen.

Ja, auch Termine „draußen“ müssen wieder sein. Wir können fünf Wochen lang alles absagen, aber nicht acht oder zwölf. Wir werden uns – stückweise, mit dem Öffnen von Läden und Frisören, Abschlussklassen und Kirchen – daran gewöhnen, mit dem Risiko zu leben, uns draußen vielleicht irgendwo anzustecken, weil ja immer irgendwer den Mindestabstand nicht einhält, sich für unverwundbar hält, ohne Schutzmaske in der Bahn herumhustet.

Eine seltsame, neue, von Woche zu Woche von veränderten Regeln und Vorschriften geprägte Normalität wird sich wohl einstellen. Alles darin weniger selbstverständlich als sonst: Licht und Luft, Spaziergänge und Ausflüge, Begegnungen und Berührungen.

Und denkt noch jemand außer mir ständig an dieses Kindergeburtstagsspiel, bei dem man mit Mütze, Handschuhen, Messer und Gabel eine Schokolade auspacken und essen sollte? Beim Supermarkteinkauf mit Brille, Mund-Nasen-Schutz und Einmalhandschuhen komme ich mir jedes Mal so vor.

3 Gedanken zu „Wir atmen ein

  1. Christiane

    Liebe Greta, Dein Hinweis auf das Geburtstagsspiel „Schokolade essen“ hat mich sehr zum Schmunzeln gebracht. Und nein – bisher habe ich bei der Corona-Maskerade nicht daran gedacht. Ab jetzt ist das natürlich anders. 🙂
    Liebe Grüße, Christiane

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  2. wildgans

    Danke für die Einsichten in Euren Alltag! Kaum vorstellbar,wenn man kleinere Kinder hat, die nichts verstehen…letztens sah ich eine junge Mutter weinen…Doch trotz allem: Hoffnung auf wieder bessere Tage!
    Grüße nach Berlin

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  3. Graugans

    Liebe Greta, ich freue mich immer so, wenn Du wieder was geschrieben hast, ich warte nämlich sehnlichst darauf! Nicht nur, weil Du brilliante Texte schreibst, sondern hauptsächlich deshalb, weil mir immer so eine Wärme entgegenkommt, aus Eurem Leben. Fast könnte ich Deine Kinder beneiden um dieses Behütetsein und den Respekt und denk mir, daß man liebevoller und behutsamer und beschützter eigentlich nicht leben kann … Ihr seid eine starke Einheit, Du und Deine Familie auch und grad in diesen ungewissen und bedrohlichen Zeiten!
    Ich dank Dir sehr für den Einblick in Euren Alltag … alles Liebe für Dich und haufenweise Freude soll Dir entgegenwehen! Viele Grüße nach Berlin aus dem vervirten Oberbayern und trotzalledem bleiben wir zuversichtlich!!!

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