Männer in geblümter Schutzmaske

Coronapandemie, Woche sechs der Kontaktbeschränkungen.

Nein, falls der Eindruck entstehen sollte: Es geht bei uns oft nicht harmonisch zu. Nicht, wenn der Fünfzehnjährige von seinem Vater zurückkommt, ohne in der Papaferienwoche – worum ich seinen Vater aus begründetem Verdacht dringend gebeten hatte – eine Liste angefertigt zu haben, welche Schulaufgaben er vor den Ferien nicht bearbeitet hat. Ganz besonders nicht, wenn in einem zweistündigen eMail-Lese-Marathon gemeinsam mit mir dann herauskommt, dass der Fünfzehnjährige in den zwei Wochen vor den Ferien eigentlich garnicht für die Schule gearbeitet und Lehrern, die Aufgaben eingefordert haben, irgendetwas von hohem Fieber geschrieben hat.

Die Woche fing also unharmonisch an – Türenknallen, Geschrei und Tränen – und wurde im weiteren Verlauf recht… arbeitsam. Ich habe kapiert, dass der Fünfzehnjährige – so gerne er das auch hätte und so vehement er das auch behauptet hat – eben nicht alleine damit klarkommt, die zehn bis zwanzig eMails am Tag zu lesen, die seine Lehrer munter versenden; herauszusuchen, was er zu tun hat, es zu bearbeiten und pünktlich abzugeben. Und dabei den Verlockungen von youtube zu widerstehen, das am Computer immer nur einen Klick entfernt ist und mit unendlicher Zerstreuung lockt! Da hilft auch sein Ritalin nicht, für das ich trotzdem im Moment sehr dankbar bin. Der Fünfzehnjährige bekommt jetzt also engmaschige Unterstützung, zum Glück ist die Bürowoche (trotz Krankmeldung meines dauererschöpften Kollegen) ruhiger, als die letzten es waren. Der Elfjährige kommt mit den technischen Rahmenbedingungen der Schule zu Hause inzwischen gut klar, druckt Arbeitsblätter aus, meldet sich bei immer neuen Lernplattformen an, fotografiert seine Arbeitsergebnisse und lädt sie in den Lernraum. Seine Lehrer werden kreativer, er bastelt Jonglierbälle aus Luftballons und mischt mit Öl und Eiweiß Malfarben quer durchs Gewürzregal (merke: Curry und Kakaopulver funktionieren besser als Cayennepfeffer). Außerdem hat er den ersten Livechat-Unterricht, immerhin 20 Minuten, von denen die letzten zehn leider einer technischen Störung zum Opfer fallen.

Nachmittags geht der Elfjährige in den Hinterhof und spielt mit seinem Stiefbruder. Manchmal auch mit anderen Kindern; den Abstand, den ich predige, halten sie natürlich nicht immer ein, aber die Erwachsenen im Kiez nehmen das auch nicht ernster. Währenddessen arbeitet der Fünfzehnjährige bis abends wenigstens diejenigen Schulfächer nach, in denen die Lehrer das dringend verlangt haben. Immerhin wird es Zeugnisnoten geben und die entstehen ja irgendwie.

Am Donnerstag verlasse ich den Kiez – zum dritten Mal seit Mitte März – und fahre zu einem Arzttermin. Obwohl die Schutzmaskenpflicht für die Berliner öffentlichen Verkehrsmittel schon beschlossen ist und das Virus bis zum Inkrafttreten dieser Pflicht am Montag sicherlich nicht weniger ansteckt, sitzen die meisten Leute noch ohne Maske in der Bahn. Ich beginne, das ziemlich unsolidarisch zu finden.
Die Arztpraxis ist nicht weit von meinem Büro entfernt, in dem angeblich mein lange erwartetes Zwischenzeugnis liegt; also gehe ich dort kurz vorbei, schwatze mit zwei Kollegen, denen zu Hause die Decke auf den Kopf fällt und die deshalb per Fahrrad ins Büro kommen, stelle zwei Orchideen und einen Gummibaum – die trotz der fünf Wochen ohne Wasser noch leben – bei ihnen unter und klopfe vergebens an die Türen in der Personalabteilung.

Ansonsten? Ein Waldspaziergang. Zwei kleine Morgenrunden, draußen, bei denen ich die fünf Gänsefamilien mit ihren Küken aufscheuche, die auf der versteppten Fläche am Wasser nach ein paar letzten grünen Halmen suchen. Zweimal Gymnastik und eine Online-Bauchtanzstunde. Viel Telefonzeit mit dem Hannoverliebsten. Keinen Teppich bestellt, keine sim-Karte aktiviert, keine Fotos sortiert. Grundgefühl Sorge: Werden die Fallzahlen wieder ansteigen, nachdem nun die Läden öffnen und die coronamüden Berliner fröhlich und mit weniger als anderthalb Metern Abstand voneinander zur Normalität zurückkehren? Werden wir den Sommer hier eingesperrt verbringen müssen, wenn es neue Einschränkungen gibt?

Im Supermarkt immerhin werden an diesem Samstag deutlich mehr Masken getragen. Interessiert schaue ich mir die verschiedenen Modelle an (zeig mir deine Maske und ich sage dir, wer du bist…) und freue mich besonders an der Blümchendruckvariante, mit der ein Mann im Familienvateralter durch die Gänge kreuzt. Oder sind die runden Dinger auf seiner Maske am Ende Bilder von bunten, knubbeligen Coronaviren?
Aus zwei Metern Abstand ist das nicht zu erkennen.

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