Auf der Schwelle

Wir haben die ersten Lebensveränderungen dieses Sommers hinter uns.

Gut klappt die Zusammenarbeit mit der neuen Chefin – bisher – ; alles aus dem Homeoffice, andere Teammeetings, ein anderer Führungsstil, aber erstaunlich reibungslos. Ein paar Abläufe haken noch, aber das wird schon.

Zehn Jahre hat der Vater meiner Kinder genau drei Türen weiter in der gleichen Straße gewohnt, seine Freundin im Hinterhof gegenüber, ihre abendlichen Rufe nach ihrer Katze gehörten in den Hof wie das Zischen des Rasensprengers und die Krähenschreie. Schön war diese räumliche Nähe für die Kinder; schwierig für mich; vieles war unkompliziert zu regeln, die andere Wohnung mit den vergessenen Dingen immer nur ein paar Schritte entfernt. Seit zwei Wochen lebt der Vater meiner Kinder nun mit neuer Frau, neuem Kind und großem Wechsel-Patchwork im Nachbarbezirk. Auch das muss sich einspielen. Beide Kinder wollen im gewohnten Wechselrhythmus bleiben. „Bei uns ist das so“, sagen sie, wenn sie von ihrem Vater kommen, und ich werde ganz klein angesichts von so viel „uns“. Eure Mutter ist ganz neidisch auf unsere schöne Wohnung, zitiert der Elfjährige die Frau seines Vaters, und ich würde gerne wütend nach dem Telefon greifen und mir dergleichen Bermerkungen verbieten, aber dann lasse ich es bleiben; beim nächsten Vorfall ist ein Gespräch fällig. Den Kindern kein Elternteil schlechtzumachen sollte doch eine Grundregel sein?

Jetzt steht der Berliner Schulbeginn bevor. Wir haben größtmögliche Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, tönt es aus der Berliner Bildungspolitik; es wird Seife auf dem Klo geben und die Fenster sollen geöffnet bleiben – und: Maskenpflicht immer und überall – außer im Unterricht. Dort ist auch das Abstandsgebot aufgehoben, die Schulen und Klassenräume sind nämlich sowieso zu klein. Während die ersten Schulen in Mecklenburg-Vorpommern schon wieder schließen müssen, startet Berlin sein großes Wie-schnell-stecken-sich-Schüler-gegenseitig-mit-Corona-an-Experiment. Für einige Kinder oder Eltern wird das schlecht ausgehen, tödlich vielleicht, statistisch beinahe unvermeidlich. Können wir uns schützen? Nein. Habe ich Lust auf weitere Monate des Homeschoolings? Auch nein. Ich weiß also auch nicht, was tun; kaufe dem Elfjährigen zwei FFP2-Masken für die überfüllte S-Bahn und Desinfektionsgel für die Hände und rate ihm, im Unterricht eine Papiermaske zu tragen. Aber in der 10. Klasse, in der der Fünfzehnjährige noch ein Jahr mit all den Kindern ausharren muss, mit denen er sowieso schlecht zurechtkommt, dürfte das Maskentragen so uncool sein, dass er es nicht freiwillig während der Unterrichtsstunden machen wird.

Und die Hitze rollt über die Stadt. Während die Natur ächzt und leidet, haben wir es unverschämt gut: Wir schließen die Fenster und auf der Sonnenseite die Gardinen. Wir fangen Brauchwasser auf und haben – weil das nicht reicht – genug Trinkwasser, um am Abend die Balkonblumen zu gießen und die Bienentränke zu füllen. Wir fahren am Morgen zum See und bleiben fast den ganzen Vormittag im Wasser; wir treffen uns am Abend mit Freunden auf dem Restaurantschiff; wir essen Eis und radeln in der nächtlichen Kühle nach Hause zurück; wir trinken sauberes Wasser und schneiden Melone auf; wir kaufen Zeitfenstertickets fürs Schwimmbad und hoffen auf verkürzten Unterricht an den heißen Tagen.

Wir genießen den Sommer, so viel wir können.
Wir beginnen einen neuen Abschnitt, mit mehr Ungewissheit als sonst.
Ich möchte die Schutzengel meiner Kinder bestechen und einen Regentanz tanzen.

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